Die Jerusalem-Gemeinde

1845 Beschluss der Irisch-Presbyterianischen Kirche zur Entsendung eines Judenmissionars nach Hamburg

1849 erste Abendmahlsfeier der Gemeinde

1862 Einweihung der Jerusalem-Kirche in der Königstraße Hamburg

1884 Amtsantritt von Pastor Arnold Frank, einem getauften Juden aus Budapest

1912 Einweihung der neuen Jerusalem-Kirche in der Schäferkampsallee

1913 Gründung des Krankenhauses und der Diakonissenanstalt Jerusalem

1933 Beginn der Veranstaltungen für »Nichtarier«

1933 Zwangsweise Entlassung der jüdischen Ärzte des Krankenhauses

1933 Unterstellung der Diakonissenanstalt unter die schweizerische Diakonie

1936 Verbot der Judenmissionsschrift »Zions Freund«

1938 August, Verhaftung der Pastoren Frank und Moser durch die Gestapo

1938 September, Ausreise Franks und Mosers aus Deutschland

1939 12. Juli, Schließung der Kirche, Verbot der Gemeinde durch die Gestapo

1939 die Gemeindearbeit wird illegal weitergeführt

1942 Zerstörung der Kirche durch Brandbomben

1945/6 Neubeginn der Gemeinde

1949 Einweihung des Kinderheims in Bad Bevensen für Kinder rassistisch Verfolgter

1953 Wiedereinweihung der Jerusalem-Kirche

1965 Pastor Dr. Arnold Frank stirbt im Alter von 106 Jahren

 

Judenmission

Die Jerusalem-Gemeinde

Die Jerusalem-Gemeinde in Hamburg war eine Gründung der Irisch-Presbyterianischen Kirche. Ziel war die Missionierung und Unterstützung jüdischer Auswanderer aus Osteuropa, die in Hamburg auf ihre Überfahrt nach Amerika warteten. Die Missionare waren getaufte Juden. Nach dem Umzug der Gemeinde in die Schäferkampsallee wurden dort eine Diakonissenanstalt und ein Krankenhaus gegründet.

Angesichts der nationalsozialistischen Machtübernahme sahen die Judenmissionare sowohl die konkrete Bedrohung der Judenchristen in der Gemeinde als auch die der Mission insgesamt. Folgerichtig nutzten sie ihre Judenmissionsschrift »Zions Freund« zur Propaganda gegen den völkischen Antisemitismus. Die offene und kompromisslose Parteilichkeit gegen jegliche rassistische Argumentation überrascht vor dem Hintergrund der bereits 1933 gut arbeitenden Pressezensur der Nationalsozialisten.

Die Gemeinde war in den ersten Jahren der NS-Herrschaft durch die Tatsache geschützt, dass sie zur irisch-presbyterianischen Kirche gehörte. Die angeschlossene Diakonissenanstalt mit dem dazugehörigen Krankenhaus unterstellte man einem schweizerischen Diakonissenhaus, so dass auch diese einen gewissen Schutz hatte. Die jüdischen Ärzte des Krankenhauses bekamen dennoch als deutsche Staatsbürger Berufsverbot und wanderten aus. Dank ihrer ausländischen Kontakte konnte die Gemeinde Verfolgte bei der Auswanderung nach Großbritannien und Palästina unterstützen.

Ende 1933 begann die Gemeinde mit Veranstaltungen für »Nichtarier« und deren offene Unterstützung. Diese Veranstaltungen wurden bis zum Verbot der Gemeinde 1939 zum wichtigsten Treffpunkt für Verfolgte, die nicht jüdischen Glaubens waren. Gottesdienste, Ausflüge und »nichtarische Teeabende« hatten bis zu mehrere Hundert Teilnehmer.

Als die Gestapo 1935 plante, die Jerusalem-Gemeinde und Diakonissenanstalt zu verbieten, wurde das Auswärtige Amt dazu befragt. Wegen der befürchteten diplomatischen Verwicklungen wurde von einem Verbot abgeraten. Man solle besser abwarten, bis der 76jährige Missionar Arnold Frank gestorben sei. Frank wanderte nach einer Gestapohaft 1938 nach Großbritannien aus. Er wurde 106 Jahre alt.


Jerusalem-Kirche Hamburg, Schäferkampsallee, links davon das Jerusalem-Krankenhaus, unbekanntes Datum

Zitate

»Auch weite Kreise innerhalb der christlichen Kirche halten es für durchaus berechtigt, daß Angehörige der jüdischen Rasse aus allen Stellen im Staat ausgemerzt werden, daß ein Arzt, weil er Jude ist, nicht mehr bei den Krankenkassen zugelassen wird und so der Jude aus allem öffentlichen Leben verschwinde. Es gibt eine ganze Reihe kirchlicher Blätter, die sich dazu nicht äußern. Auch die Kirchenbehörden haben sich nicht zu der immer brennender aufsteigenden Frage der Entrechtung des deutschen Judentums geäußert.«

Aus Zions Freund 1933

»Wir dachten, daß der Arierparagraph, der ja viele ins tiefste Elend stürzte, unsere Mission zum Abschluß bringen würde. Das Entgegengesetzte ist der Fall. Ungeahnte Türen sind uns geöffnet worden; wir erreichen jetzt weit mehr Juden mit dem Evangelium, denn je zuvor. Es gibt sehr viele Mischehen (…) Diese kommen jetzt unter Gottes Wort.«

Arnold Frank im Zions Freund 1934

»Es widerspricht m.E. den Grundsätzen der nationalsozialistischen Weltanschauung, daß getaufte Juden arischen Kindern und Jugendlichen konfessionellen Unterricht erteilen und offen für den Übertritt von Juden zum Christentum werben. Dasselbe gilt auch für die Gottesdienste in der Jerusalem-Kirche, wo die Judenstämmlinge Gelegenheit haben, den zersetzenden Einfluß des Judentums auf deutsche Volksgenossen ungehindert wirken zu lassen.«

Aus einem Bericht des Geheimen Staatspolizeiamtes vom 6.4.1935

»Der Sonntagsvormittagsdienst soll nach Angabe des Pastors von etwa 250 Personen, darunter 20% Nichtarier, besucht sein. Diese Angabe dürfte richtig sein, da die Staatspolizeistelle Hamburg der Gestapo auf Anfrage erklärt hat, daß die Gottesdienste in der Jerusalemkirche trotz zahlreicher Teilnahme von auffallend wenig jüdisch aussehenden Personen besucht werden.«

Aus einem Bericht des Hamburgischen Staatsamtes vom 19.2.1937

 
     
       
       

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