Das Jahr 1933
 

 

»An den hochwürdigen Kirchenrat Hamburg

In der letzten Woche habe ich mehrere sehr ernste, mich aufs tiefste erschütternde Aussprachen mit Gemeindegliedern gehabt, die, von jüdischen Eltern oder Voreltern abstammend, als Kinder getauft, dann konfirmiert, auch getraut sind und sich treu zu unserer Kirche halten. Sie sind durch das Vorgehen gegen die jüdische Rasse, zu der auch sie gezählt werden, bedrückt und fragen: ›Ist die evangelische Kirche, der wir angehören, bereit, uns, ihre Glieder, gegen die Ungerechtigkeit, der wir ausgesetzt sind, zu schützen?‹
Ich erlaube mir ergebenst, diese Frage an den hochwürdigen Kirchenrat weiterzugeben, und wäre dankbar für eine Auskunft, ob die Kirchenregierungen gegen die Nichtachtung der Sakramente der Taufe seitens der staatlichen Instanzen Verwahrung einzulegen willens und imstande sind.«

Brief Pastor Poppes, St. Petri Hamburg, vom 9.4.1933

»Unsere Vorfahren waren alteingesessene deutsche Juden. Im Jahre 1917 sind wir – da wir uns immer echt deutsch und national fühlten – zur Landeskirche übergetreten. Getauft hat uns Ihr Herr Vorgänger, Prof. Dr. Hunzinger, mit dem wir befreundet waren. Die Frage, die uns jetzt bewegt, ist diese: dürfen wir weiter einer Kirche angehören, die uns zwar in ihren Schoß aufgenommen hat, aber uns doch jetzt nicht schützte, sondern im Gegenteil uns scheinbar gar nicht mehr haben will?«

Aus einem Brief von Hans Lebenbaum an den Landesbischof D. Dr. Schöffel vom 19.6.1933.

Die Texte zum Jahr 1933 in den Kirchenbänken der Ausstellung

 

11. Januar:
Veröffentlichung des Altonaer Bekenntnisses »Wort und Bekenntnis Altonaer Pastoren in der Not und Verwirrung des öffentlichen Lebens«.
 
30. Januar:

Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler.
 
28. Februar:

Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat (Aufhebung demokratischer Grundrechte).
 
6. März:
Reichstagswahlen.
 
20. März:
Errichtung des ersten Konzentrationslagers in Dachau.
 
23. März:
»Ermächtigungsgesetz« (Selbstausschaltung des Parlaments).
 
1. April:
Reichsweiter Boykott jüdischer Geschäfte durch die SA organisiert. Beginn der »Arisierung« jüdischen Vermögens.
 
3. – 5. April:
1. Reichstagung der Deutschen Christen (DC) in Berlin, auf der die Gründung eigenständiger judenchristlicher Gemeinden und die Einführung des »Arierparagraphen« gefordert wird.
 
7. April:
Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (enthält u. a. »Arierparagraph«).
 
26. April:
Gründung der Gestapo.
 
29. Mai:
Hauptpastor D. Dr. Simon Schöffel wird zum Landesbischof in Hamburg gewählt.
 
16. Juni:
Im Deutschen Reich leben ca. 500.000 Juden.
 
30. Juni:
Erstmals wird ein Pastor aufgrund seiner »nichtarischen« Abstammung entlassen: Pastor Ernst Flatow, Köln.
 
20. Juli:
Reichskonkordat zwischen der Reichsregierung und dem Vatikan.
 
20. Juli:
Gründung des »Reichsverbandes christlich-deutscher Staatsbürger nicht-arischer oder nicht rein arischer Abstammung e.V.«.
 
23. Juli:

Kirchenwahlen. Die DC erhalten 70% der Stimmen.
 
6. September:
Die Preußische Generalsynode führt den »Arierparagraphen« in der preußischen Landeskirche ein.
 
12. September:
»Braune Synode« in Rendsburg. Selbstentmachtung der Synode zugunsten eines aus neun Deutschen Christen bestehenden Landeskirchenausschusses. Zum neuen Bischof für Schleswig-Holstein wird Pastor Adalbert Paulsen bestimmt.
Die Landeskirchen Schleswig-Holsteins (12. September), Lübeck (23. September) und Eutin (17. November) führen den »Arierparagraphen« ein.

 
21. September:
Aufruf zur Gründung eines Pfarrernotbundes. Der »Arierparagraph« wird als bekenntniswidrig verurteilt. Bis Januar 1934 treten dem Bund ca. 7.000 Pastoren bei.
 
22. September:
Ausschluss der Juden aus dem gesamten Kulturleben in Deutschland (Presse, Funk, Theater, bildende Künste, Musik, Literatur).
 
27. September:
Die Nationalsynode in Wittenberg verzichtet überraschend auf die Einführung des »Arierparagraphen«.
 
13. November:
Bei einer Veranstaltung der DC in Berlin wird die Abschaffung des Alten Testamentes und die »Entjudung« der Kirche gefordert. (»Sportpalast-Skandal«).
 
6. Dezember:
140 Pastoren der schleswig-holsteinischen Landeskirche sprechen dem designierten Bischof Paulsen das kirchliche Misstrauen aus. U.a. wurde die Einführung des Arierparagraphen als bekenntniswidrig verurteilt.
 
1933 werden mindestens drei Pastoren als »Nichtarier« entlassen bzw. zwangspensioniert.
Es werden zahlreiche Maßnahmen ergriffen, die Juden und Jüdinnen den Zugang zu Bildungseinrichtungen verwehren, sie aus dem Berufsleben verdrängen und aus der Teilnahme am öffentlichen Leben ausgrenzen. Bis Ende 1933 emigrieren ca. 37.000 Juden und Jüdinnen.

 

 
       
   

Quellen

 
   

zum Folgejahr: 1934

 
     

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