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"Alibiveranstaltung"?
 

 

 

 

28.07.2003

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H-Soz-u-Kult:
U. Schmidt: Antwort auf die Erwiderung
 

28.07.2003

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H-Soz-u-Kult:
W. Grünberg & S. v. Kortzfleisch: Eine notwendige Erwiderung
 

28.05.2003

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H-Soz-u-Kult:
U. Schmidt: Rezension: Kirche im Nationalsozialismus
 

Von Uwe Schmidt befinden sich bereits zwei Beiträge in dieser Internetpräsentation:

"Eine vertane Chance - kritische Stellungnahme zur Ausstellung" im Forum "Reaktionen auf die Ausstellung"

"Nicht gelungen" vom 10.03.02 Presseberichterstattung Alt-Hamburg im Pressearchiv

 
   
 


 

Antwort auf die Erwiderung

H-Soz-u-Kult vom 28.07.2003

Ort: Wanderausstellung
Veranstalter: Nordelbisches Kirchenarchiv

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Uwe Schmidt
E-Mail: fabulus@gmx.de

Es ist bedauerlich, dass Wolfgang Grünberg und Siegfried von Kortzfleisch auf die von mir in meiner Ausstellungskritik genannten Punkte gar nicht eingehen, vielmehr eine andere Thematik in den Mittelpunkt ihrer „notwendigen Erwiderung“ stellen. Ich kann mir das nur so erklären, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht zu den Schwerpunkten ihrer Arbeit gehört. Herr von Kortzfleisch hat nach Internetrecherchen zusammen mit anderen über das Verhältnis von Christen und Juden und als Journalist über die Verwendung der Rhetorik in der Kommunikation gearbeitet, Herr Grünberg zu Fragen der Religionspädagogik und als Verfasser eines Lexikons über Hamburger Religionsgemeinschaften. Die heute allgemein geläufige Erkenntnis, dass die Verflechtung des Protestantismus mit dem Nationalsozialismus nicht erst 1933 begann und nicht 1945 endete, scheinen sie sich noch nicht zu eigen gemacht zu haben. Neuere Untersuchungen zum Nationalsozialismus (z.B. Brigitte Hamann, Hitlers Wien) befassen sich schwergewichtig mit der Genesis von Auffassungen, die später weite Teile des Protestantismus - vor 1933 und danach - erfasst haben.

Der Birminghamer Missionswissenschaftler Werner Ustorf (wie Stephan Linck ebenfalls einer meiner früheren Schüler) hat in einer vor drei Jahren publizierten Untersuchung (Sailing on the next tide. Missions, Missiology and the Third Reich) herausgestellt, in wie hohem Ausmaß auch die in Hamburg beheimatete Missionswissenschaft in der Person von Walter Freitag den Nationalsozialismus bejahte und die vor seinen Augen sich vollziehende Deportation der Hamburger Juden schlicht nicht zu Kenntnis nahm. Zu seinen Auffassungen war Freytag als ein herausragender Vertreter des Hamburger Protestantismus im Jahrzehnt vor der Diktatur gekommen. Wer also, wie die beiden Verfasser der „notwendigen Erwiderung“ ausdrücklich betonen, die Ergebnisse der Forschung vermitteln und diese ausstellungsdidaktisch aufbereiten will, muss weit vor Hitlers Machtantritt ansetzen und die fragwürdigen Vernebelungsaktionen protestantischer Kirchenführer weit nach 1945 in eine Konzeption einbeziehen. Genau dieses aber habe ich als ein Defizit der Ausstellung (die ich mir selbstverständlich angesehen habe!) kritisiert. Die beiden „Erwiderer“ würden daher meiner Kritik an der Ausstellung zumindest doch in diesem Punkte zustimmen müssen. - Im Übrigen hatte und hat meine Kritik ein einziges Thema: Die Ausstellung „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien“, nicht die Genesis dieser Ausstellung und nicht das von mir gar nicht angezweifelte, aber auch nicht thematisierte Engagement der Teilnehmer des innerkirchlichen Diskussionsprozesses. Wer sich in der Öffentlichkeit als Teilhaber an der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit beteiligt und seine Ergebnisse präsentiert, verlässt aber den innerkirchlichen Raum und setzt sich der Kommunikation - aber auch der Kritik - von Menschen aus, die an diesem Vorgang ebenfalls teilhaben.

Ich habe in zwei Publikationen (1997 und 1999) die Denkmuster der im öffentlichen Dienst und in der Schule Beschäftigten, die Genesis dieser Denkmuster und das Verhalten ihrer „Träger“ zwischen 1933 und 1945 untersucht. Ich halte mich daher für kompetent, sachbezogen auch zu den von der NEK vorgelegten Resultaten ihres Denkprozesses Stellung zu beziehen. Die von den beiden „Erwiderern“ als Bewertungsmaßstab beanspruchte „Ambivalenz“ von Christen während der Diktatur bedarf der Differenzierung: Personen an führender Stelle müssen sich darauf befragen lassen, ob sie - als Lehrer, Schulleiter, Ärzte oder Kirchenführer - im Kernbereich ihres Handelns gegen ihre Berufsethik verstoßen haben - für die beiden Hamburger Landesbischöfe Tügel und Schöffel muss diese Frage leider in aller nicht misszuverstehenden Deutlichkeit bejaht werden - wie auch immer man welche Archivalien auswertet. Die Nordelbische Kirche hat sich im Vorfeld zur Ausstellung selbst dem - keineswegs „absurden“ - Verdacht einer Apologetik ausgesetzt, indem sie eine gänzlich unkritisch gehaltene Dissertation über Tügel finanziell unterstützte. Es ist mir erst durch hartnäckige Vorstöße bei den Verantwortlichen gelungen herauszufinden, dass diese im Endeffekt apologetische Schrift von den Verantwortlichen nicht einmal professionell geprüft worden war.

Die Absicht meiner kritischen Stellungnahme ist daher, anders als die beiden Herren behaupten, nicht „fragwürdig“, die Kritik an der Ausstellung selbst streng sachbezogen: Sie nennt die kritisierten Dinge beim Namen und versucht nicht - wie die beiden „Erwiderer“ - durch abartige psychologisierende Spekulationen über die Beziehungen zwischen einem Lehrer und dessen Schüler die Sachbezogenheit zu einer personenbezogenen „Anklage“, „Verurteilung“ oder „anonymisierten Attacke“ umzufunktionieren. Es wäre doch schon ein Gewinn an Verständigung, wenn sich beide Seiten den Satz „Wer kritisiert, ist interessiert“ zu eigen machen könnten. Wenig hilfreich ist dagegen eine Selbstbelobigung von Repräsentanten der NEK und ihres Tuns als „hervorragend“ und wenig erhellend die Berufung auf „namhafte Hamburger Historiker“, deren Namen jedoch nicht genannt werden. Da die von den „Erwiderern“ genannte Kieler Publikation aus dem Jahre 2003 (die ich inzwischen gelesen habe) noch nicht erschienen war, als ich meine Austellungsrezension vor einigen Monaten verfasste, konnte ich sie auch noch nicht einbeziehen.

Dr. Uwe Schmidt


Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Vera Ziegeldorf <ziegeldorfv@geschichte.hu-berlin.de>

URL: Homepage
Typ: Dokumententyp
Land: Germany
Sprache: German
Klassifikation: Regionaler Schwerpunkt: Deutschland
Epochale Zuordnung: 1933-1945
Thematischer Schwerpunkt: Kirchen- und Religionsgeschichte, NS / Faschismusgeschichte

URL zur Zitation
dieses Beitrages: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=18&type=rezausstellungen

Copyright (c) 2003 by H-Soz-u-Kult (H-Net), all rights reserved.
This work may be copied and redistributed if permission is granted by the author and H-Soz-u-Kult.
Please contact hsk.redaktion@geschichte.hu-berlin.de.

 

 
 
 
   
 

Rez. Ex: Kirche im Nationalsozialismus

 

Kirche, Christen, Juden
Eine notwendige Erwiderung

H-Soz-u-Kult vom 28.07.2003

Ort: Wanderausstellung
Veranstalter: Nordelbisches Kirchenarchiv

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Grünberg Wolfgang, Institut für Praktische Theologie, Universität Hamburg
E-Mail: wolfgang.gruenberg@theologie.uni-hamburg.de


Dr. Uwe Schmidt hat die Wanderausstellung „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945“ rezensiert. Die Rezension gibt sich als Anklageschrift gegen Unbekannt und bietet sich zugleich als Begründung für die Verurteilung des Unbekannten an. Es ist, um der Wahrheit und der Redlichkeit willen, dringend geboten, dieser Besprechung zu widersprechen. Es sind wenigstens elf Anmerkungen zu machen:

1. Grundsätzlich ist festzustellen: Eine historische Ausstellung ist nicht die Fortsetzung der Forschung mit anderen Mitteln. Eine Ausstellung dient der Vermittlung von Ergebnissen der Forschung und unterliegt dabei selbstverständlich wissenschaftlichen Standards. Sie will Informationen ausstellungsdidaktisch aufbereiten und zum Nachdenken anregen. Beim Thema Kirche, Christen Juden geht es darüber hinaus um einen Prozess des Umdenkens. Dies alles leistet die Ausstellung hervorragend.

2. Man muss wissen, wie es zu der Ausstellung kam. Uwe Schmidt weiß das eigentlich, doch schweigt er darüber. Sie entstand, gleichsam als begleitendes Vorhaben, im Zusammenhang eines landeskirchenweiten Diskussionsprozesses in der Nordelbischen Evangelischen Lutherischen Kirche (NEK) über Christen und Juden, der im September 2001 in die theologische Erklärung „Christen und Juden“ mündete. Kernsätze der Synodalerklärung zum Beispiel: „Wir erkennen, wir haben geirrt“ und „Deshalb müssen wir Buße tun.“ Die Ausstellung, inzwischen ein Selbstgänger, ergänzt den „synodalen Prozess“. Sie konnte und sollte nicht eine umfassende, lückenlose Darstellung des Themas Christen und Juden im Dritten Reich bieten und natürlich kein dickes Buch ersetzen. [Ein Begleitbuch zur Ausstellung mit allen Texten und weiteren wissenschaftlichen Abhandlungen und Reflexionen liegt übrigens jetzt auch vor (Annette Göhrens, Stephan Linck, Joachim Liß-Walther (Hrsg.), Als Jesus 'arisch' wurde, Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945, Bremen 2003). Auch darüber kein Wort in der Rezension. Ist das redlich?]

3. Die Konzeption der Ausstellung, die Uwe Schmidt versäumt überhaupt ernsthaft zur Kenntnis zu nehmen, war diese: An Hand von zehn Biographien ist beispielhaft zu zeigen, wie sehr verschieden Christen mit dem Naziregime und seinem ideologischen Druck umgehen konnten, von williger Unterwerfung und gläubiger Zustimmung bis zu Widerstand und Widerspruch. Exemplarisches Arbeiten an Hand von Biographien ist ein in der Geschichtswissenschaft übliches Verfahren. So kann kein Betrachter seinen eigenen virtuellen Platz in solchen Entscheidungssituationen einfach bei den Guten oder Unschuldigen suchen.

4. Die ausgewählten Beispiele waren so darzubieten, dass sie in Wort und Bild in den Bänken einer Kirche Platz finden. Das verlangte Konzentration auf nicht zu viele Dokumente. Die Ausstellung hat ihren Platz in Kirchen, weil sie auf ein Umdenken, christliche „Buße“, zielte.

5. Uwe Schmidt zielt auf den Autor der Ausstellung, den Historiker Dr. Stephan Linck, ohne seinen Namen zu nennen. Dies anonyme Verfahren verletzt das Gebot, auch in wissenschaftlichen Kontroversen mit offenem Visier zu kämpfen. Dabei kennt Schmidt Dr. Linck gut. Linck war sein früherer Schüler und Abiturient. Es gibt Erinnerungen an ein streitiges Gegenüber von Schulleiter und Schulsprecher.
Die anonymisierte Attacke läßt vermuten, dass sie in fragwürdiger Absicht geschrieben wurde.

6. Uwe Schmidt greift in seiner Argumentation auf Veröffentlichungen des Hamburger Archivars und Historikers PD Dr. Rainer Hering (besonders: Ders., Die Bischöfe: Simon Schöffel, Franz Tügel, Hamburg1995) zurück, ohne diese Quelle zu nennen.

7. Linck hatte während der Vorbereitung der Ausstellung ein Gespräch mit Schmidt und Hering (lt. U. Schmidt am 22.09.2000). Es ergab sich bald, daß die beiden inhaltlich andere Gewichtungen und methodisch andere Ziele im Sinne hatten als Linck. Daraufhin kam es nicht zu weiteren Konsultationen.

8. Bei dem Dissens geht es a) um die Zwecke und Ziele dieser Ausstellung und b) speziell um die Darstellung der Hamburger Bischöfe, zumal Franz Tügel, Bischof von Hamburg ab 1934. Hering bewertet Tügel konsequent negativ. Linck sieht Tügel, ohne ihn von seiner schuldhaften Verquickung in Antisemitismus und Nazigeist zu entlasten, gleichwohl in einer gewissen Ambivalenz und darin eben leider typisch für viele Christen jener Tage. Linck hat z.T. andere Archivalien ausgewertet.

9. Schmidt ficht den Dissens zu Lasten der Ausstellung selber aus. Er weckt den absurden Verdacht, es ginge den Ausstellungsmachern um Apologetik. Wäre das die geheime Absicht der Verantwortlichen gewesen, hätten sie nicht die Ausstellung beschlossen und betrieben. Er nimmt in Kauf, der Ausstellung zu schaden, deren Absichten zu verdunkeln und sie in Verruf zu bringen (siehe Rezension Schmidt passim, besonders in den Abschnitten 2 bis 4. Die Spitze seiner Kritik wird in seiner Rezension in der viertletzten Zeile seiner Rezension erreicht: "Es ist leider auch nicht von der Hand zu weisen, dass dieses Projekt nur als Alibiveranstaltung dienen soll, um die Aufarbeitung der Geschichte der Kirche mit einem möglichst geringen Aufwand und ohne einen dauerhaften schriftlichen Ertrag hinter sich zu bringen."). Schmidt fordert eine Ausstellung, die die "Chance einer Historisierung" nutzt, und das bedeutet für ihn, dass die "Periode von 1870 – 1970 – in ihrem Zentrum die Nazifizierung der Kirche – " stehen müsse. Damit misst er die Ausstellung am Maßstab eines umfassenden Forschungsvorhabens, das im übrigen der Kirchenkreis Alt-Hamburg für seinen Bereich gerade befördert. Es ging der kritisierten Ausstellung gerade nicht um "Historisierung", sondern, wie oben Ziffer 4 erwähnt, um Einstellungen und ihre notwendigen Veränderungen, aus der sich so ein neues historisches Interesse bilden soll und wird. Dieses exemplifiziert die Ausstellung durch die Einrichtung eines sog. "lokalen Fensters", das jeweils am Ausstellungsort lokale Detailstudien zunächst anregt hat und schließlich präsentiert. Die Ausstellung animiert also zu weiteren Forschungen statt sie angeblich überflüssig zu machen. Sie setzt konsequent auf weitere Forschungen und aktive Rezeption vor Ort. Wo diese Ausstellung gezeigt wird, gibt es ein ausdifferenziertes Begleitprogramm mit Vorträgen, Diskussionen, Themengottesdiensten etc. So sind mittlerweile Hunderte von namhaften Fachleuten an unterschiedlichsten Orten zu Wort gekommen. Die Ausstellung selbst ist von namhaften Hamburger Historikern besichtigt und für gut befunden worden. Von diesem gesamten Prozess und der sie tragenden Intention kein Wort bei Schmidt.

10. Dr. Schmidt hat der Ausstellung keinen einzigen sachlichen Fehler nachgewiesen. Er bietet lediglich - und tut es verbissen – noch dies oder jenes Zitat an, vor allem in Sachen Franz Tügel, auf den er sich fast ohne einen Blick nach rechts oder links kapriziert.

11. Die Ausstellung wurde wiederholt in dem thematischen Sonderausschuss der nordelbischen Synode besprochen und beraten. Dem Ausschuß ist weder Unkenntnis noch apologetische Absicht zu unterstellen. Wir gehörten dem Ausschuß an. Wir bekunden ausdrücklich: Die Ausstellung hat ihrem Auftrag hervorragend entsprochen. Dies verdankt sie der Arbeit von Dr. Stephan Linck.

Hamburg, 24. Juli 2003

Prof. Dr. Wolfgang Grünberg
Dr. Siegfried von Kortzfleisch


Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Vera Ziegeldorf <ziegeldorfv@geschichte.hu-berlin.de>

URL: Homepage
Typ: Dokumententyp
Land: Germany
Sprache: German
Klassifikation: Regionaler Schwerpunkt: Deutschland
Epochale Zuordnung: 1918-1933
Thematischer Schwerpunkt: Kirchen- und Religionsgeschichte, NS / Faschismusgeschichte

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dieses Beitrages: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=17&type=rezausstellungen

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Rez. Ex: Kirche im Nationalsozialismus

H-Soz-u-Kult vom 28.05.2003

Ort: Wanderausstellung
Veranstalter: Nordelbisches Kirchenarchiv

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Uwe Schmidt
E-Mail: fabulus@gmx.de

Ein halbes Jahrhundert nach dem Sieg der Kriegskoalition gegen die Hitler-Diktatur lassen sich von der historischen Aufklärung endlich auch gesellschaftliche Bereiche erfassen, die sich bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts und weit darüber hinaus einer kritischen Selbstbefragung - gelegentlich geradezu verstockt - verweigert haben. Zu ihnen gehört die Evangelisch-Lutherische Kirche. Was hierbei zu geschehen hat und wie vorgegangen werden sollte, hat jüngst in einer Arbeitstagung das Landeskirchliche Archiv Berlin-Brandenburg zu unserem Thema in einer eindrucksvollen Arbeitstagung programmatisch demonstriert (Tagung des Landeskirchlichen Archivs Berlin-Brandemburg 11.12.10.2002 zum Thema „Protestantismus - Nationalsozialismus - Nachkriegsgeschichte“): Die Aufarbeitung der Geschichte der Kirche muss bereits im 19. Jahrhundert ansetzen und dabei auch die Sozialisationsbedingungen der um 1890 geborenen späteren Leitfiguren aufhellen, also ihre Prägung durch das Wilhelminische Reich, die Jugendbewegung, den Nationalkonservativismus und das Weltkriegserlebnis.

Dass die von diesen Leitfiguren Repräsentierten, das Kirchenvolk also, in ihrer Mehrheit diesen Kurs für gut befanden, weist auf einen Konsens zwischen „oben“ und „unten“. Nur auf diesem Wege lässt sich begreifen, warum der deutsche Protestantismus sich als so offen und aufnahmebereit für den Nationalsozialismus und somit als eine seiner gesellschaftlichen Haupteinbruchsstellen erwies. Interdisziplinäre Forschungsansätze müssen sich aus den überkommenen, zu engen Forschungstraditionen (Theologie, Kirchengeschichte oder Geschichte von Institutionen) lösen mit dem Ziel, eine „Kulturgeschichte des Protestantismus“ zu erarbeiten. Dabei sind sowohl der Beitrag der Kirche zur Nazifizierung als auch der kirchliche Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufzugreifen, besonders aber die Frage, was denn die Kirche selbst nach 1945 getan oder unterlassen hat, ihre Geschichte kritisch und professionell aufzuarbeiten. Die Periode von 1870 bis 1970 - in ihrem Zentrum die Nazifizierung der Kirche - muss, so resümierte Manfred Gailus in die Thematik der Berliner Tagung einführend, als schwerste Identitätskrise des Protestantismus seit seinem Bestehen angesehen werden.

Auf diesem Hintergrund ist eine im Auftrag der Synode der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (NEK) vom Nordelbischen Kirchenarchiv erarbeitete Ausstellung „Christen und Juden in Nordelbien 1933-1945“ kritisch zu betrachten, die seit Ende 2001 mit einem jeweils unterschiedlichen Beiprogramm in allen Teilen Nordelbiens gezeigt wird. Erst 1977 wurden die Landeskirchen Hamburg, Lübeck, Eutin, Holstein und Schleswig, ergänzt durch die Superintendantur Harburg der Hannoverschen Landeskirche, zur NEK zusammengeschlossen. Diese scheint also nunmehr entschlossen, die nationalsozialistische Geschichte ihrer Vorgängerkirchen aufzuarbeiten. Die interessierte Öffentlichkeit, insbesondere geschichtlich aufgeschlossene Jugendliche, sollen nach Absicht der Veranstalter erfahren, wie die Kirche ihre eigene Geschichte und ihren eigenen Beitrag zum „Dritten Reich“ zu Beginn des 21.Jahrhunderts sieht und wie weit sie auf dem Stand der Forschung ist. Das Ergebnis der Besichtigung dieser Ausstellung ist jedoch enttäuschend: Die Veranstalter begeben sich der Chance einer „Historisierung“, indem sie ihre Exponate und sachlichen Hinweise chronologisch auf den Zeitraum von 1933 bis 1945 begrenzen. Der Besucher wird also nicht verstehen, warum das Desaster 1933 plötzlich über die Kirche hereinbrach, denn er wird ja darüber im Unklaren gelassen, dass die Irrwege, auf welche die Kirche jetzt geriet, lange vor 1933 ihren Anfang genommen hatten.

Ebenso fehlt eine chronologische Weiterführung von 1945 bis in unsere Zeit. Sie würde Hinweise darauf enthalten müssen, wie (defizitär) die Kirche nach dem Kriege mit dem Thema umgegangen ist, wie lasch und schonsam sie die „Entnazifizierung“ gehandhabt hat, wie uninteressiert sie sich gegenüber den Juden verhalten hat und welche kirchlichen Leitfiguren für diese Versäumnisse die Verantwortung tragen. Die Irrwege und Irrtümer, denen die Kirche verfallen ist waren (und sind?) ja mit dem Datum 1945 keineswegs beendet.

Unter den kirchlichen Leitfiguren verdienen die Hamburger Landesbischöfe der Periode von 1933-1945, Simon Schöffel und Franz Tügel, beide überzeugte Nationalsozialisten, aber auch ihre Nachfolger nach 1945 Theodor Knolle, Volkmar Herntrich und Karl Witte unsere besondere Aufmerksamkeit. Da die Ausstellung mit dem Jahre 1945 abbricht, erfahren wir über die drei Letztgenannten und ihre erfolgreichen Bemühungen, Belastete zu schonen und kritische Stimmen wie die des Kirchengeschichtlers Heinrich Wilhelmi zu unterdrücken, nichts. Immerhin werden aber wenigstens die beiden mit dem Nationalsozialismus verflochtenen Landesbischöfe vorgestellt: So wird über Tügel mitgeteilt, er habe als „DC-Pastor“ (für den Unkundigen bleibt unklar, was hier die Abkürzung DC für Deutsche Christen bedeutet) Simon Schöffel als Landesbischof abgelöst. Nicht gebracht wird der geradezu programmatische Satz Tügels am 5.3.1934 vor der Synode nach seiner Wahl: „Ich kenne nur einen Feind: Wer diesen Staat Adolf Hitlers nicht will. Mit solchen werde ich sehr kurz fertig. Das bin ich nicht nur meiner Kirche schuldig, sondern meinem Staat, meinem Volk und meinem wunderbaren Führer“. In einem Schreiben an den Hamburger Reichsstatthalter Karl Kaufmann (1900-1969) schrieb Tügel: „Ich gelobe Ihnen, als treuer Gefolgsmann unseres Führers, mein Amt im Sinne des Dritten Reiches zu verwalten“. Auch diese Aussage gehört in eine kritisch konzipierte Ausstellung. Die am 31.10.1941 von Pastor Heinrich Wilhelmi geübte Kritik an Tügels Verhalten zur Austreibung der Juden und den Umständen dieser Austreibung wird zwar gebracht, Tügels Antwort vom 28.11.1941 jedoch nur in einem Faltblatt zur Person an anderer Stelle: „Eine Verantwortung für die evangelischen Glieder der jüdischen Rasse habe ich nicht, denn die Getauften sind nur in ganz seltenen Fällen wirkliche Glieder der Gemeinde gewesen. Wenn sie heute mit in das Ghetto abwandern müssen, dann sollen sie dort Missionare werden. Nicht sie bedürfen der Seelsorge, sondern ihre unbekehrten Rassegenossen.“ Dieser Satz müsste aber als Ergänzung und Kontrast zur Kritik Wilhelmis in der Ausstellung selbst erscheinen, weil nur so die gegensätzlichen Positionen Wilhelmis und Tügels deutlich werden. Er würde den Ausstellungsbesuchern drastisch verdeutlichen, dass von 1934 bis 1945 ein notorischer, unbelehrbarer Antisemit die Hamburger Landeskirche leitete. - Die zum Verständnis der hamburgischen Kirche im Nationalsozialismus keineswegs unwichtige Person von Simon Schöffel, Vorgänger und Nachfolger Tügels im Amte des Landesbischofs, wird in der Ausstellung nicht eigens thematisiert, obwohl ja - wie gesagt wird - Tügel ihn als Bischof - wie die Ausstellung verharmlosend formuliert - „ablöste“. Der unkundige Besucher müsste erfahren, dass Schöffel im Mai 1933 der erste Hamburger Landesbischof wurde und in dieser Funktion das „Führerprinzip“ in der hamburgischen Kirche installierte; dass er darüber hinaus den Nationalsozialismus ausdrücklich begrüßt und sich mit dessen Blut-und-Boden-Ideologie identifiziert hat.

Nach seiner Wahl zum ersten lutherischen Landesbischof Hamburgs durch die Synode am 29.5.1933, also wenige Wochen nach der „Reichstags-brand-verordnung“, die die wesentlichen Grund-rechte der Weimarer Verfassung außer Kraft setzte, der Ver-kündi-gung des Er-mächti-gungsgesetzes und der „Gleich-schal-tung“ der Länder mit dem Reich, dem Boykott jüdischer Geschäf-te, der Verab-schiedung des „Ge-setzes zur Wiederher-stellung des Berufsbeamtentums“ und unmittelbar nach den öffentlichen Bücherverbrennungen bekundete Schöffel als Repräsentant einer protestantischen Landeskirche seine Freude über den nationalen „Auf-bruch“ und den „Weg zur Freiheit“, der mit der Machtübertragung an Hitler eröffnet worden sei. Der Ausstellungsbesucher wird in Unkenntnis gelassen über die reichskirchlichen Machenschaften Schöffels, mit denen er den Nationalsozialisten zuarbeitete, und ihm wird vorenthalten, dass der zweifach promovierte Kirchenhistoriker Simon Schöffel nach 1945 nicht einmal vor einer Geschichtsklitterung zurückschreckte, indem er das kirchliche Ermächtigungsgesetz von 1933, um seine eigene Position zu stärken, verfälschend auf das Folgejahr 1934, also in die Ära Tügel datierte. Der Ausstellungsbesucher sollte außerdem erfahren, dass Schöffel und sein von ihm stark protegierter Weggefährte Theodor Knolle, späterer Landesbischof, verhinderten, dass die Bekennt-nisgemein-schaft 1938 eine Solida-ritätserklä-rung für den Dahlemer Pfarrer Martin Niemöller heraus-gab, der als persön-licher Gefangener Adolf Hitlers im Kon-zentrationslager saß.

Die Forderung der Berliner Tagung, die Sozialisationsbedingungen der um 1890 geborenen kirchlichen Leitfiguren deutlich zu machen, wird durch die nordelbische Ausstellung nicht erfüllt. Statt einer im Grunde unkonzeptionellen und unprofessionellen chronologischen Aneinanderreihung von unkommentierten Fakten ohne Hintergrundinformationen wäre eine thematische Festlegung auf mehrere Schwerpunkte - einer von ihnen die Prägung durch Faktoren des Kaiserreichs - für die Besucher hilfreich gewesen. Den Angaben zur Vita Tügels - als Beispiel - fehlt die konzeptionelle Einbettung: Gezeigt wird auf einem Faltblatt ein Ausspruch von ihm, er sei bereits im Alter von sieben Jahren Antisemit gewesen und habe damals, dafür von einem Vater belobigt, einen gleichaltrigen „Nichtarier“ verprügelt - warum oder wieso? Hierüber wird nichts mitgeteilt.

Die für diese Ausstellung Verantwortlichen haben die Jahreszahlen ihres Ausstellungsmottos „Christen und Juden in Nordelbien 1933-1945“ allzu wörtlich genommen und sich zu wenig Gedanken über eine weiterführende, umfassende Konzeption gemacht, die auch den Hintergrund ausleuchtet und die sichtbar gemachten Linien bis in die Gegenwart verlängert. Anspruch und Umsetzung stehen also nicht im Einklang miteinander: Es fehlt eine nachvollziehbare Konzeption, den Anspruch, soweit er deutlich wird, umzusetzen. So erhält der „normale“, also geschichtlich und kirchengeschichtlich nicht eigens vorgebildete Besucher keine für ihn nützlichen Informationen, die Wege, die ihn veranlassen könnten, die Ausstellung ertragreich zu begehen, werden ihm nicht klar aufgezeigt. Angesichts der fehlenden Rücksichtnahme auf interessierte Besucher, die in diese spezielle Thematik erst einmal sachgerecht eingeführt werden müssten, und einer nicht erkennbaren didaktischen Leitidee wiegt es doppelt schwer, dass die Ausstellung von der Anzahl und Auswahl der Exponate her eher schlicht, wenn nicht gar armselig genannt werden muss. Der von der Synodalpräsidentin Elisabeth Lingner formulierte Anspruch, das Thema „Juden und Christen“ anschaulich und Empathie auslösend darzustellen und damit den Dialog zwischen den Generationen neu zu eröffnen, wird also nur halbherzig und ausgesprochen mittelmäßig eingelöst - am ehesten werden diesem Anspruch noch die neun als Begleitmaterial bereitgestellten Biographien gerecht. Im Gegensatz dazu ist z.B. das ausgelegte Fotoalbum der Pfadfinderschaft der Hamburger Paulus-Gemeinde nur für Besucher mit Vorkenntnissen interessant und weiterführend. Es fehlen hier jegliche Erläuterungen, z.B. über die Vereinnahmung der Jugendbewegung und der Jugendbünde durch den Nationalsozialismus. Auch wird lediglich die „männliche Seite“ dieser Vereinnahmung gezeigt. Es müßte begründet werden, warum dieses so ist und durch weitere geeignete Hinweise auf die Bevorzugung „männlicher Werte“ durch die Nationalsozialisten deren Menschenbild verdeutlicht werden.

Als nicht eingebunden in eine Gesamtkonzeption wirkt die Auswahl einzelner Personen zusammen mit der Präsentation der Jerusalem-Gemeinde. Ebenso wenig klar wird, warum eine Ausstellung zum Thema „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945“ die Zeichnungen Arthur Goldschmidts aus Theresienstadt einschließt; weil man sie gerade zur Verfügung hatte - oder aus - nicht erkennbaren - konzeptionellen Gründen? Nordelbische Christen, die von den Machthabern des sog. Dritten Reiches deportiert wurden, sind auch in anderen Lagern gequält und ermordet worden, andererseits kamen auch Menschen aus vielen anderen Regionen des nationalsozialistischen Machtbereichs nach Theresienstadt, darunter auch viele Tschechen.

Am Ende einer solchen Kritik erhebt sich die Frage nach den Gründen und tieferen Ursachen für die konstatierten Defizite: Die Nordelbische Kirche hat sich mit der Umsetzung ihres zu begrüßenden Synodalbeschlusses zweifellos übernommen. Sie hat eine 18 Monate währende Vorbereitungsperiode nicht genutzt, um in Kommunikation mit sachkundigen Menschen außerhalb einer historisch gewachsenen, von Verfilzung nicht freien administrativen kirchenamtlichen Monokultur eine überzeugende Konzeption zu erarbeiten, sie hat einen jungen, mit der Materie vorher nicht befassten Historiker mit der Umsetzung des Synodalbeschlusses beauftragt, der dieser Aufgabe allein nicht gewachsen war und sich gegenüber kritischer Unterstützung von außen abschirmte. Die Nordelbische Kirche ist allzufrüh allzu zufrieden mit sich und ihrer Leistung, die bei aller Anerkennung dafür, dass überhaupt etwas geschieht, nur zu einem halbherzigen, mittelmäßigen Resultat geführt hat. Ob es also gerechtfertigt ist, mit der Realisierung dieser nicht unproblematischen Ausstellung in optimistischer Formulierung von einer neuen Phase des Umgangs der Kirche mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit zu sprechen, lässt sich zur Zeit noch nicht begründet feststellen. Es ist leider auch nicht von der Hand zu weisen, dass dieses Projekt nur als Alibiveranstaltung dienen soll, um die Aufarbeitung der Geschichte der Kirche im 20.Jahrhundert mit einem möglichst geringen Aufwand und ohne einen dauerhaften schriftlichem Ertrag hinter sich zu bringen. - Die Ausstellung ist zur Zeit in verschiedenen Orten Schleswig-Holsteins zu sehen.


Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Vera Ziegeldorf <ziegeldorfv@geschichte.hu-berlin.de>

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Sprache: German
Klassifikation: Regionaler Schwerpunkt: Deutschland
Epochale Zuordnung: 20. Jahrhundert
Thematischer Schwerpunkt: Kirchen- und Religionsgeschichte

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