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Presseberichterstattung Alt-Hamburg
 

 
 

15.12.2002

Nordelbische Kirchenzeitung:
Kirchenkreis Alt-Hamburg will NS-Zeit aufarbeiten

10.03.2002

Nordelbische Kirchenzeitung:
Nicht gelungen

28.02.2002

Evangelische Kirchenzeitung, Das Sonntagsblatt für Hessen und Nassau:
Wehret den Anfängen

28.01.2002

Süddeutsche Zeitung:
Im Land der Richter und Henker

25.01.2002

Frankfurter Allgemeine Zeitung:
Wahn der Hirten

20.01.2002

Nordelbische Kirchenzeitung:
Rückblick ohne Tabu

20.01.2002

Nordelbische Kirchenzeitung:
"Wehret den Anfängen"

20.01.2002

Welt am Sonntag:
"Die Kirchen sollten ihre Lebenslüge eingestehen"

19./20.01.2002

die tageszeitung:
So blond wie der arische Galiläer Jesus

17.01.2002

Die Zeit:
Prediger des Hasses

17.01.2002

Frankfurter Rundschau:
Blick zurück auf evangelisch

14.01.2002

NDR Kulturjournal:
Pastoren unterm Hakenkreuz

14.01.2002

NDR Hamburgwelle 90,3: Abendjournal,
Ausstellungseröffnung: Christen und Juden

11.01.2002

NDR 4 Redaktion:
Shabat Shalom

10.01.2002

Hamburger Abendblatt:
Wie auch die Kirche schuldig wurde

10.01.2002

die tageszeitung:
Zwischen Mitlaufen und Vorausrennen

09.01.2002

Die Welt:
Die Kirche stellt sich ihrer Geschichte in der Nazizeit

08.01.2002

St. Petri-Kirche:
Gespräch mit Ralph Giordano

07.01.2002

Hamburger Morgenpost:
Ausstellung über NS-Vergangenheit in St. Petri

07.01.2002

Hamburger Abendblatt:
"Dialog mit den Juden"

07.01.2002

Die Welt:
Bischöfin Jepsen: Die Juden bleiben das Heilige Volk Gottes

06.01.2002
08.01.2002
14.01.2002

TV-Berichterstattung NDR3, HH1:
Pastoren unterm Hakenkreuz
Kirche, Christen, Juden in Nordelbien

06.01.2002

Welt am Sonntag:
Kultur-Highlights

04.01.2002

Hamburger Morgenpost:
Ausstellung zum Verhalten der Kirche in der Nazi - Zeit startet

03.01.2002

Hamburger Morgenpost:
Nordelbische Kirche und Nazi - Regime

 
   
 
   

Kirchenkreis Alt-Hamburg will NS-Zeit aufarbeiten

Nordelbische Kirchenzeitung, 15.12.2002

Mit freundlicher Genehmigung der "Die Nordelbische"

HAMBURG – Die Synode des Kirchenkreises Alt-Hamburg hat beschlossen, das Kirchenkreisarchiv mit der Dokumentation des Verhaltens von Pastoren und Kirchenvorständen in der NS-Zeit zu beauftragen. Zu diesem Zweck sollen die Archive der einzelnen Gemeinden des Kirchenkreises durchgearbeitet werden. Die Ausstellung „Kirche-Christen-Juden in Nordelbien 1933-1945“, die Anfang 2002 in der Hauptkirche St. Petri zu sehen war, hatte große Aufmerksamkeit erregt und immer wieder Fragen nach der NS-Geschichte einzelner Kirchengemeinden oder Pastoren aufkommen lassen. Diesen Fragen soll nun auf den Grund gegangen werden. Die Arbeit soll bis Ende 2005 mit einer wissenschaftlichen Publikation abgeschlossen werden.

 
 
 
   
 
 
 

Prediger des Hasses

Die Zeit, 17. Januar 2002

von Volker Ulrich

Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933 bis 1945 heißt ein wenig arg harmlos eine Ausstellung, die derzeit in der Hauptkirche St. Petri an Hamburgs Mönckebergstraße gezeigt wird. Denn sie birgt durchaus Brisantes. Zum ersten Mal stellt sich eine Landeskirche öffentlich einem lange tabuisierten Thema: der Beteiligung der Kirchen an der Ausgrenzung und Verfolgung der Juden in der NS-Zeit.

Wie Pastoren sich schon in der Weimarer Republik sich der NSDAP anschlossen und von der Kanzel Judenhass predigten, wie sie nach 1933 Christen aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ausschlossen und zu Deportation und Vernichtung schwiegen, das wird hier anhand einzelner Lebensläufe verdeutlicht.

Einen Extremfall stellt zweifellos der Segeberger Probst Ernst Szymanowski dar, der seinen Talar mit der SS-Uniform vertauschte und als Leiter eines Einsatzkommandos in der Ukraine für die Ermordung Tausender Juden verantwortlich war. Neues Licht fällt auf die Rolle des Landesbischofs Franz Tügel, auch er bekennender Nationalsozialist und Antisemit, der sich dennoch in Einzelfällen für Menschen einsetzte, die von den Nürnberger Gesetzen betroffen waren – eine gespaltene Persönlichkeit.

Erschreckend zu erfahren, dass auch Mitglieder der Bekennenden Kirche die staatliche Judenverfolgung rechtfertigten. Umso leuchtender hebt sich das Beispiel der Lehrerin und wahren Christin, Elisabeth Flügge, ab, die jüdischen Schülerinnen der Privatschule Hamburg-Harvestehude half, wo sie nur konnte.

(Bis zum 4. Februar, anschließend an weiteren Orten Norddeutschlands, Info: 0431-64 98 60).

V.U.

 
 
 
   
 
   

Nicht gelungen

Nordelbische Kirchenzeitung, 10. März 2002

Mit freundlicher Genehmigung der "Die Nordelbische"

Leserbriefe
zu NEZ Nr. 4/02, Seite 3: „Wehret den Anfängen“ – Ausstellung zum Thema „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945“

Die von der Synode der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche (NEK) beschlossene, vom Kirchenamt gestaltete und in der Hamburger Petrikirche eröffnete Wanderausstellung zum Thema „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945“ wurde von der Kirchenzeitung positiv dargestellt. Zu dieser Einschätzung hat vermutlich das Selbstlob nordelbischer Funktionsträger nicht unerheblich beigetragen.

Diese Einstimmung kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ausstellung nach Konzeption und Präsentation im Wesentlichen nicht gelungen ist. Die Auswahl der Exponate ist sehr begrenzt, der mit der Thematik nicht so vertraute Besucher erfährt keine für ihn hilfreichen Informationen, die Wege, die ihn die Ausstellung ertragreich begehen lassen könnten, werden nicht klar aufgezeigt. – Die Auswahl der auf den Kirchenbänken chronologisch angebrachten Äußerungen und Textpassagen von 1933 bis 1945 sowohl regionaler wie auch reichsweiter Provenienz wird weder begründet noch erläutert. Struktur und theologische Relevanz der Zitate bleiben undeutlich, Hintergrundinformationen werden nicht gegeben.

Für den mit dem Thema nicht näher Vertrauten wird mit diesen Texten ein Datenwust ausgebreitet, der für sich keinen Erkenntnisgewinn bringt. Der Besucher hätte ein Anrecht darauf, die Kriterien zu erfahren, die zu dieser Auswahl geführt haben. Sie erweckt überdies für den Kundigen den Eindruck, dass für die Kirche unangenehme Zitate absichtlich nicht gezeigt werden. Die chronologische Begrenzung der auf den Kirchenbänken rechts vom „Eingangsportal“ gezeigten Übersicht auf den Zeitraum 1933 bis 1945 ist ganz und gar unprofessionell, denn die Irrwege der Ev.-Luth. Kirche hatten lange vor 1933 ihren Anfang und waren (und sind?) mit dem Datum 1945 nicht beendet. – Als einzig positiv zu vermerken ist die Tatsache, dass sich die NEK überhaupt mit dem Thema befasst hat.

Das von der NEK vorgegebene Rahmenprogramm weist neben kompetenten Referenten wie z. B. Dr. Ursula Büttner von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte auch den Namen Dr. Manuel Ruoff auf, der als „Biograph“ Tügels bezeichnet wird. Seine von der NEK finanzierte Publikation über Franz Tügel ist jedoch völlig unkritisch und für die Aufarbeitung der Irrwege der Kirche im Nationalsozialismus nicht geeignet. Die Finanzierung der Publikationen Ruoffs durch die NEK erscheint als der Versuch der NEK, sich der kritischen Befassung mit demjenigen kirchlichen Funktionsträger zu entziehen, der in seiner Person die Irrwege und Irrtümer der Kirche geradezu exemplarisch verkörpert hat, Landesbischof Franz Tügel.

Dr. Uwe Schmidt, Großhansdorf

 
 
 
   
 
 
 

Rückblick ohne Tabu

Nordelbische Kirchenzeitung, 20.01.02

Mit freundlicher Genehmigung der "Die Nordelbische"

HAMBURG – „Hier passiert etwas, was nur sehr selten passiert“, sagt Publizist Ralph Giordano über die nordelbische Wanderausstellung „Kirche, Christen und Juden in Nordelbien 1933-1945“, die derzeit in der Hamburger Hauptkirche St. Petri zu sehen ist. Selten zuvor habe er erlebt, dass eine Institution – wie in diesem Fall – ohne jedes Tabu mit ihrer eigenen Vergangenheit umgehe.

Die Ausstellung, die im Auftrag der Nordelbischen Synode von dem unabhängigen Historiker Stephan Linck erstellt worden ist, lässt keinen Zweifel daran, dass die Kirche in Hamburg und Schleswig-Holstein in der Zeit des Nationalsozialismus versagt hat: Es gibt eine kirchliche Mittäterschaft bei der Judenverfolgung lautet das Eingeständnis, das die Ausstellung ohne jede Relativierung macht. Für Giordano, der sich sein Leben lang mit der Aufarbeitung der Nazizeit beschäftigt hat, ist diese offensive Art der Vergangenheitsbewältigung höchster Anerkennung wert. Bei seinem Ausstellungsrundgang entdeckte er unter den dargestellten neun Biographien aber auch ein vertrautes Gesicht aus seiner Kindheit in Hamburg.

Mehr über die Ausstellung in der St. Petrikirche und ihren prominenten Besucher lesen Sie auf Seite 3.

 
 
 
   
 
AUSSTELLUNG „Kirche, Christen und Juden in Nordelbien 1933 – 1945“. Für Ralph Giordano war der Ausstellungsbesuch in der Hamburger Hauptkirche St. Petri eine Reise in die eigene Vergangenheit
 

„Wehret den Anfängen“

Nordelbische Kirchenzeitung, 20.01.02

Mit freundlicher Genehmigung der "Die Nordelbische"

VON CARSTEN SPLITT
HAMBURG - „Spät, aber nicht zu spät“, nennt Schriftsteller Ralph Giordano die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, die die nordelbische Kirche derzeit mit ihrer Wanderausstellung „Kirche, Christen und Juden in Nordelbien 1933-1945“ betreibt. Die Ausstellung, die noch bis zum 4. Februar in der Hamburger Hauptkirche St. Petri zu sehen ist, stellt Biografien von Tätern und Opfern im Umfeld der damaligen drei norddeutschen Landeskirchen dar. Sie war 1998 im Anschluss an eine Schulderklärung von der nordelbischen Synode in Auftrag gegeben worden und ist im vergangenen Jahr in Rendsburg erstmals der Öffentlichkeit präsentiert worden.

Bei ihrer Station in Hamburg weckte die von Historiker Stephan Linck erstellte Wanderausstellung nun das Interesse des vielfach ausgezeichneten Publizisten Ralph Giordano, der als Sohn eines jüdischen Musikerehepaares selbst unter nationalsozialistischer Ausgrenzung und Verfolgung zu leiden hatte. Die mangelhafte Aufarbeitung der deutschen Schuld der NS-Zeit und der Kampf gegen rechtsradikale Tendenzen in Deutschland ist für ihn zum Lebensthema geworden.

„Ich habe mich mein ganzes Leben hindurch mit der Aufarbeitung der NS-Zeit beschäftigt“, blickt der Zeitzeuge zurück. Und doch sei vieles von dem, was in der nordelbischen Ausstellung gezeigt werde, selbst für ihn neu. „Das Gezeigte kumuliert mein Wissen über diese Zeit, die ich selbst erlebt habe“, staunt Giordano.

Ralph Giordano wurde 1923 in Hamburg geboren und besuchte später die Gelehrtenschule Johanneum. Auf der dortigen Schulbank schloss er Freundschaft mit dem Sohn des ehemaligen Hamburger „Nazibischofs“ Franz Tügel, dessen Biografie breiten Raum in der Wanderausstellung einnimmt. „Tügel personifiziert das Unrecht in der damaligen Kirche“, steht für Giordano nach der Beschäftigung mit den in St. Petri ausgestellten Dokumenten und Zeitzeugnissen fest.

„Seinen Sohn Peter habe ich aber schon damals als Antinazi kennen gelernt. Er ist immer mein Freund geblieben“, bekräftigt der Grimme-Preisträger. Vielleicht sei gerade dies das Perfide am nationalsozialistischen System gewesen, dass es bei vielen Menschen eine private, humane und eine politische, inhumane Linie geprägt habe, sucht Giordano angesichts dieser Konstellation aus Freundschaft und Erschrecken nach Erklärungen. Durch die Ausstellung sei er über Tügels Leben neu in Kenntnis gesetzt worden.

Giordano selbst hatte das Kriegsende nur erlebt, weil seine Familie von einer Hamburgerin im Keller versteckt worden war. Dem Versuch einer Gruppe Erwachsener, ihn mit Steinen zu erschlagen, entging er im Oktober 1943 nur durch das beherzte Einschreiten einiger Umstehender.

„Wenn ein kriminelles System sich erst einmal etabliert hat, ist es zu spät“, warnt Giordano angesichts dieser Erfahrungen. „Wehret den Anfängen“, lautet seine Botschaft, die er der jungen Generation mit auf den Weg geben will. Angstfrei leben zu können sei keine Selbstverständlichkeit, sondern ein hohes Gut, das es zu schützen gelte. Die christliche Kirche habe das damals trotz besseren Wissens verpasst.

„Der Nationalsozialismus war kein Betriebsunfall, der zufällig in der deutschen Geschichte eingetreten ist“, stellt Giordano fest. Vielmehr habe es eine kollektive Zustimmung zu einem kriminellen System gegeben, die heute niemand mehr wahrhaben wolle. Umso mehr habe ihn die Ausstellung angerührt. Hier geschehe etwas, was sehr selten geschehen sei: Die Kirche versuche, den äußerst schmerzlichen Wahrheiten ihrer Vergangenheit auf den Grund zu kommen. Es gebe „kein Tabu“ und gerade diese Offenheit mache die Ausstellung zu etwas ganz Besonderem.

Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933 – 1945“, Hauptkirche St. Petri (Mönckebergstraße), tägl. 10-17 Uhr. Infos zum Begleitprogramm s. u. sowie unter Tel. 040/3257400.
 
 
 
   
 
Die nordelbische Landeskirche zeigt als erste evangelische Kirche Deutschlands in einer mutigen Ausstellung, wie sehr sie die NS-Judenverfolgung stützte. Nach dem Krieg sollten die verstoßenen Christen jüdischer Abstammung als Erstes ihre während der Nazizeit nicht gezahlte Kirchensteuer nachreichen
 

So blond wie der arische Galiläer Jesus

die tageszeitung, 19./20. Januar 2002

Mit freundlicher Genehmigung der taz - die tageszeitung

Von Philipp Gessler

So sicher wie das Amen in der Kirche? Wer dieser Tage den Weg in die Hauptkirche St. Petri am Hamburger Einkaufsboulevard Mönckebergstraße findet, wird zögern, künftig diese Redewendung in den Mund zu nehmen. Denn vor 60 Jahren gab es in der evangelischen Kirche starke Bestrebungen, das "Amen" zu verbieten: In einem "entjudeten" Gesangbuch von 1941 wurde der Kirchenhit "Großer Gott, wir loben dich" von den Worten "Amen", "Halleluja" und "Hosianna" gesäubert: Hebräische Worte durfte es in einem deutschen Kirchenlied nicht geben.

Die bahnbrechende Ausstellung "Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-45", die im eindrucksvollen Kirchenschiff neben die schweren Kirchenbänke und auf deren Gebetbuchablagen platziert wurde, liefert solche erstaunlichen Erkenntnisse. Vor knapp vier Jahren beschloss die Synode, also die Basis, der nördlichsten evangelischen Kirche Deutschlands, ihre eigene dunkle Geschichte in der Nazizeit zu thematisieren. Es ging darum, die Schuld ihrer Gemeinschaft bei der Judenverfolgung zu dokumentieren - ein Wagnis, vor dem alle anderen Kirchen der Bundesrepublik seit mehr als 55 Jahren zurückschrecken.

Warum? Weil, wie die Ausstellung zeigt, wie die damals noch vier Kirchen der heute nordelbischen Landeskirche in einem unglaublichen Maß am Holocaust beteiligt waren. "Die Mehrheit der Kirche", so heißt es in der Schau tapfer, "unterstützte die Verfolgung der Juden." Von notgedrungener Hinnahme der NS-Judenpolitik durch die Kirche kann keine Rede sein. Im Gegenteil.

So endete etwa die "braune Synode" der schleswig-holsteinischen Kirche am 12. September 1933 mit einem "Sieg Heil" und dem "Horst-Wessel-Lied". Bis auf die Hamburger schlossen alle drei Landeskirchen Nordelbiens ihre "nichtarischen" Pastoren, später alle Mitglieder auch nur entfernt jüdischer Abstammung aus - diesen Hintergrund hatten in Schleswig-Holstein und in der Hansestadt 1939 immerhin knapp 8.000 Christinnen und Christen. Damit verloren sie den letzten Schutz vor der Deportation. Schlimmer noch, die schleswig-holsteinische Kirche rühmte sich in einer Werbeschrift, nur über den Rückgriff auf ihre Kirchenbücher könnten Ariernachweise erstellt werden: Und durch die allein sei schließlich "die Durchsetzung der notwendigen bevölkerungspolitischen Aufgaben" möglich. Sie stelle sich "freudig" in den Dienst dieser Sache, warb die Kirche für sich.

Solcher Antisemitismus fußte auf einer Theologie, die in der Regel seit fast 2.000 Jahren antijudaische Tendenzen in sich trug. Die antisemitischen "Deutschen Christen" erhielten bei den Kirchenwahlen 1933 etwa 70 Prozent der Stimmen. Die Ausstellung zeigt ein Foto von der Landessynode der Hamburgischen Kirche vom 5. März 1934. Sie glich einem Parteitag: Ein Kreuz ist nirgends zu sehen. Vor der Hakenkreuzfahne aber steht der Synodenpräsident in SS-, der gerade gewählte Landesbischof Franz Tügel in Parteiuniform.

Gerade Tügel, der wie acht weitere Persönlichkeiten der Kirche in der Ausstellung noch einmal eingehender beschrieben wird, ist eine schillernde Gestalt. Einerseits setzte er sich für Pastoren und Christen "nichtarischer" Herkunft ein. Andererseits war er Parteimitglied seit 1931 und rühmte sich privat, schon immer Antisemit gewesen zu sein, ja bereits als Knabe Juden verprügelt zu haben. Einer der prägenden Gestalten der regimekritischen "Bekennenden Kirche" in Nordelbien, Wilhelm Halfmann, rechtfertigte die Judenverfolgung und beschrieb das Judentum als "Zersetzungsstoff für die christlichen Völker". Die "Bekennende Kirche", die Märtyrer wie den Theologen Dietrich Bonhoeffer in ihren Reihen hatte und nach dem Krieg von Kirchenoberen stets als Beweis für die Oppositionskraft der Kirche im Nazireich gepriesen wurde, tat für die Juden zumindest öffentlich so gut wie nichts, wie die Ausstellung belegt.

Die "freudige" Anpassung der Kirche an die Nazis ging so weit, dass in Eisenach ein theologisches Institut mit 50 Professoren gegründet wurde, das dazu dienen sollte, das "Jüdische" aus dem Christentum wegzuinterpretieren - eine absurde Veranstaltung. Da wird der jüdische Rabbiner Jesus von Nazareth zum "arischen Galiläer" verfälscht, der gar blond gewesen sein soll. Selbst die Heilige Schrift, Grundpfeiler des Protestantismus seit Luther, wurde im "arischen" Sinne redigiert, projüdischer Text gestrichen.

Natürlich gab es auch Pastoren die Widerstand leisteten. Aber ihre Zahl war mehr als gering, ihre Unterstützung auch von der Basis minimal. Als nach Einführung des "Judensterns" klar wurde, dass noch getaufte Juden in den Kirchenbänken saßen, protestierte das einfache Kirchenvolk dagegen, dass man neben "Nichtariern" seine Kommunion erhalte.

Und nach dem Krieg? Der Pastor und spätere Propst Ernst Szymanowski war während des Krieges Leiter einer "Einsatzgruppe" an der Ostfront und wurde für den Tod von mindestens 3.000 Menschen für schuldig befunden: Ab 1958 fand er wieder Anstellung bei der Kirche, deren Einsatz ihn auch frühzeitig aus dem Knast gebracht hatte. Noch im berühmten "Stuttgarter Schuldbekenntnis" vom Oktober 1945 log die Kirche, sie habe "lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat". Doch nicht wegen der Lüge bekämpften viele Protestanten das "mea culpa" sondern weil ihnen das Schuldbekenntnis zu weit ging. Immerhin, die überlebenden "nichtarischen" Christen wurden nach dem Krieg wieder in den Schoß der Kirche aufgenommen. Das erste Kirchenschreiben, das viele nach 1945 empfingen, war die Aufforderung, ihre während der Nazizeit nicht gezahlte Kirchensteuer nachzureichen.
 

 
 
 
   
 
Nordelbische Kirche stellt sich zum ersten Mal ihrem Verhalten im NS
 

Zwischen Mitlaufen und Vorausrennen

die tageszeitung Nr. 6646 vom 10.1.2002

Mit freundlicher Genehmigung der taz - die tageszeitung

Von Sandra Wilsdorf

Laute oder stille Ablehnung, keine Position, stille oder offene Zustimmung, Mord: Die Menschen hatten Spielräume in ihrem Verhalten zur Politik der Nazis. Zum ers-ten Mal seit 1945 stellt sich nun eine Landeskirche der Tatsache, diese nicht genutzt zu haben. Stattdessen haben evangelische Kirchen "nicht-arische" Gemeindemitglieder ausgeschlossen, zu Deportationen geschwiegen, und aus etlichen Würdenträgern wurden Mörder. Die Kirchen befreiten sich von Judaismen, "ein Hamburger Pastor verbannte sogar das Amen", sagt Historiker Stefan Linck.

Im Auftrag der Nordelbischen Kirche hat er die Wanderausstellung "Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945" konzipiert, die noch bis zum 4. Februar in der Petri-Kirche zu sehen ist. Sie zeigt, wie Kirchenmenschen mitgelaufen, vorausgerannt oder vorsichtig gegenan gegangen sind.

Jahrzehntelang hat die Kirche lieber über Widerstandskämpfer wie Dietrich Bonhoeffer geredet. "Die traurige Wahrheit ist, dass das absolute Ausnahmen waren", sagt Linck. Er zeigt deshalb jetzt den ehemaligen Segeberger Probst Ernst Szymanowski, der seinen Talar mit der SS-Uniform tauschte: Schon 1926 trat er in die NSDAP ein. 1941 wurde er Leiter der Gestapostelle Oppeln und verantwortete dort auch Judendeportationen. Ein Jahr später wurde er Chef des Einsatzkommandos 6 in der Ukraine und befahl dort die Ermordung von mindestens 3000 Menschen.

Ein US-Militärgericht verurteilte Szymanowski 1948 zum Tode, was später in lebenslänglich umgewandelt wurde. In den 50er Jahren setzt sich die schleswig-holsteinische Landeskirche für ihn ein: 1957 wurde Szymanowski entlassen und bekam auch gleich einen Job in der Neumünsteraner Kirchenverwaltung. Er starb 1986.

Und es gab den Landesbischof Franz Tügel. Auch der wurde bereits 1931 NSDAP-Mitglied und unterstützte bis zum Ende deren Kriegsführung. Aber er weigerte sich auch, widerständige Pastoren zu denunzieren, und setzte sich für einen Pas-tor ein, dem wegen 37,5 Prozent "jüdischen Blutes" das Schulgeld für die vier Kinder drastisch erhöht werden sollte. "Er hatte eine privat humane und politisch inhumane Persönlichkeit", sagt der Publizist Ralph Giordano, der mit Tügels Sohn Peter in eine Klasse gegangen ist. "Peter war und ist mein Freund", sagt Giordano, den die Ausstellung anrührt, "weil sie ohne Tabu versucht, der äußerst schmerzhaften Wahrheit auf den Grund zu kommen".

Bei aller Unterstützung durch die Kirche ist Linck bei seinen Recherchen nicht gerade auf Jubel gestoßen: "Es war eher ein es-muss-wohl-sein-Seufzen." Kirche sei ein Raum gewesen, der nicht verparteilicht war, "kein Pastor war dazu gezwungen, von der Kanzel aus gegen Juden zu hetzen, wenn er es doch getan hat, dann aus freien Stücken". Um die Spielräume darzustellen, zeigt die Ausstellung neben Bekennern zu einem liberalen Protestantismus wie Hermann Mulert aber auch Menschen wie Elisabeth Flügge. Die Hamburger Lehrerin hatte 1933 und 1934 Artikel in eine Kladde geklebt, die Überschriften wie "Das erste Konzentrationslager eröffnet" trugen. Die Historikerin Rita Bake hat aus den Heften jetzt eine Dokumentation für die Landeszentrale für politische Bildung gemacht.

Die längst überfällige und sehr sehenswerte Wanderausstellung ist bereits bis 2004 ausgebucht, so groß ist das Sehnen nach der Wahrheit. "Warum erst jetzt?", fragt Eleonore Rudolph vom Vorbereitungsausschuss der Nordelbischen Synode, und antwortet: "Seit zwei bis drei Jahrzehnten bemüht sich die evangelische Kirche, das Verhältnis der Christen zu den Juden neu zu gestalten." Denn es sei der Antijudaismus der vergangenen 2000 Jahre gewesen, der letztlich zum Antisemitismus geführt habe.

Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 17 Uhr. Führungen dienstags und donnerstags ab 15 Uhr, sonntags ab 11.30 Uhr und auf Anfrage. Außerdem gibt es ein Rahmenprogramm, beispielsweise heute ab 19.30 Uhr einen Vortrag über Franz Tügel, am 26. Januar liest Manfred Steffen aus dem Johannes-Evangelium von Walter Jens. Infos: Tel.: 32 57 40 0.

taz Hamburg Nr. 6646 vom 10.1.2002, Seite 22, 57 Zeilen (TAZ-Bericht), Sandra Wilsdorf

 
 
 
   
 
Die Kirchen am Pranger
 

Ausstellung über NS-Vergangenheit in St. Petri

Hamburger Morgenpost vom 07.01.2002

Mit freundlicher Genehmigung der Hamburger Morgenpost

Ein Pastor als früher Wegbereiter des Nationalsozialismus, der Landesbischof als bekennender Antisemit, ein Probst als Denunziant - die Nordelbische Kirche hat wie viele andere während des Nazi-Regimes schwere Schuld auf sich geladen. Doch statt die Vergangenheit totzuschweigen, hat sie als erste Landeskirche Deutschlands ihre braune Geschichte thematisiert. Herausgekommen ist eine multimediale Ausstellung von Zeitdokumenten, die an exponierter Stelle gezeigt wird: in der Hauptkirche St. Petri an der Mö. Und der Segen kommt von höchster Stelle: Bischöfin Maria Jepsen eröffnete sie gestern mit einem Gottesdienst. "Wir wollen unsere Ausstellung nicht verstecken", so Jepsen. "Es ist die Aufgabe der Kirche, sich auch den schwierigen Fragen zu stellen und für Versagen die Vergebung Gottes zu erbitten."

Die Ausstellung zeigt anhand der Lebensgeschichten von Hamburger Christen die ganze Palette typischer Haltungen zu den Nazis: Mittäterschaft aber auch Widerstand, Duldung und Wegsehen. Da ist etwa Franz Tügel aus Wandsbek. Er war seit 1919 Pastor in St. Pauli und bereits 1931 Mitglied der NSDAP. 1934 wurde er Landesbischof von Hamburg und Hauptpastor von St. Jacobi. Tügel rechtfertigte den Antisemitismus. Bei seiner Ernennung zum Bischof trug er die Partei-Uniform der NSDAP. In seiner neuen Machtposition ordnete er die Landeskirche neu - nach "Führerprinzip", so dass alle wichtigen Entscheidungen ihm vorbehalten waren.

Ein anderer Fall: Arthur Goldschmidt, seit 1902 Hamburger Amtsrichter. Er selbst war als Junge getauft worden und heiratete eine (ebenfalls getaufte) Jüdin. 1933 wurde er entlassen und schlug sich als Maler durch. Als seine Frau Kitty 1942 starb, verweigerte der Reinbeker Pastor die Beerdigung. Begründung: "nicht arisch". Die Goldschmidts waren wie alle "nichtarischen" Christen aus der Landeskirche ausgeschlossen worden. Einen Monat nach dem Tod seiner Frau wurde Goldschmidt nach Theresienstadt deportiert. Zwar überlebte er, doch er starb bereits 1947.

Sandra Schäfer

"Kirche, Christen und Juden in Nordelbien 1933-45" noch bis 4. Februar täglich 10 bis 17 Uhr.

 
 
 
   
 
Die Mitschuld der norddeutschen Christen an der Verfolgung der Juden in der NS-Zeit ist Thema der Ausstellung "Kirche, Christen und Juden in Nordelbien 1933 bis 1945".
 

Ausstellung zum Verhalten der Kirche in der Nazi - Zeit startet

Hamburger Morgenpost vom 04.01.2002.

Mit freundlicher Genehmigung der Hamburger Morgenpost

Hamburg - Hamburgs evangelisch-lutherische Bischöfin Maria Jepsen eröffnet die Präsentation an diesem Sonntag um 10 Uhr in der Hauptkirche St. Petri (Mönckebergstrasse). Thematisiert werden "Mittäterschaft, Widerstand, Duldung und Wegsehen" seitens der evangelischen Kirche, heißt es in der Ankündigung. Die bis zum 4. Februar laufende Schau war bereits in Rendsburg und Lübeck zu sehen.

Die mit zahlreichen Vorträgen ergänzte Wanderausstellung ist das Ergebnis eines Forschungsprojektes, das die Synode der nordelbischen Kirche in Auftrag gegeben hatte. 2001 hatte sich das nordelbische Kirchenparlament zur Mitschuld an der Judenverfolgung bekannt. Christen seien zu selten eingeschritten, wenn Andersgläubige diskriminiert oder ermordet wurden, die Kirche habe schwere Schuld auf sich geladen, hieß es in der Erklärung.

Anhand von neun christlichen Biografien wird in der Ausstellung gezeigt, wie das Schicksal von Christen und Juden in der Nazizeit miteinander verwoben war. In Form audiovisuell gestalteter Stationen treten unter anderem auf: Der Pastor als früher Wegbereiter des Nationalsozialismus, der Landesbischof als bekennender Antisemit oder die evangelische Lehrerin Elisabeth Flügge, die ihre jüdischen Schüler schützte.

 
 
 
   
 
   

Nordelbische Kirche und Nazi - Regime

Hamburger Morgenpost vom 03.01.2002.

Mit freundlicher Genehmigung der Hamburger Morgenpost

Altstadt " Der Pastor als Wegbereiter des Nationalsozialismus, der Landesbischof als Antisemit " lange haben die Kirchen über ihre Verstrickungen mit dem Nazi-Regime geschwiegen. Die Nordelbische Kirche in Hamburg ist mutig: Sie zeigt Zeitdokumente in einer Ausstellung ab 6. Januar in St. Petri (Mö). Die Ausstellung ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Bischöfin Maria Jepsen eröffnet die Ausstellung am kommenden Sonntag um 10 Uhr mit einem Gottesdienst.

 
 
 
   
 
     

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