Download

Unterrichtsmaterialien

Pressearchiv und
Rahmenprogramme

Literatur
 
   

Presseberichterstattung Hamburg-Altona
 

 

 

 

 

10.11.02

Nordelbische Kirchenzeitung:
„Wir sind herausgefordert“
 

03.11.02

Nordelbische Kirchenzeitung:
Wichtig wie vor 50 Jahren
 

20.10.02

Nordelbische Kirchenzeitung:
Eine Kirche ohne Richter
 

19./20.10.02

Nordelbische Kirchenzeitung:
Ehrung der besonderen Art
 

13.10.02

Nordelbische Kirchenzeitung:
Ein Ja-Wort mit unabsehbaren Folgen
 

29.09.02

Nordelbische Kirchenzeitung:
Erinnern für die Gegenwart
 

29.09.02

Nordelbische Kirchenzeitung:
Rechenschaft und Reue
 

22.09.02

Nordelbische Kirchenzeitung:
Gruß vom Kirchplatz
 

 
   
 

Aus den Kirchengemeinden
Kirchenkreis Altona – Die Erklärung der Kirchenkreissynode zur Mitschuld der Kirche an den Verfehlungen, vor allem gegenüber Juden, im „Dritten Reich“ im Wortlaut

 

 

„Wir sind herausgefordert“

Nordelbische Kirchenzeitung Nr. 46, 10.11.02

Mit freundlicher Genehmigung der "Die Nordelbische"

In ihrer Beschäftigung mit der Geschichte der Propstei Altona 1933-1945 ist die Synode des Kirchenkreises Altona zu der Einsicht gekommen, dass unsere Kirche – der Propst, Pastoren und Gemeindeglieder – damals mitschuldig geworden ist am Schicksal jüdischer Mitbürger und anderer, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.

Uns beschämt das lange Schweigen in Altonas Kirchen zu dieser Schuld. Aus wenn die meisten heutigen Christinnen und Christen keine persönliche Schuld trifft, bekennen wir uns zu der Verantwortung, die uns diese Vergangenheit auferlegt. Das bedeutet für uns, die Ereignisse zu erforschen und zu dokumentieren und die Erinnerung an Opfer und Täter wachzuhalten und für die Gegenwart zu gestalten. Vor allem müssen wir uns darum bemühen, die Ursachen für den Irrweg unserer Kirche zu erkennen und zu seiner Überwindung beizutragen.

1 Die historische Dokumentation belegt, wie sehr sich unsere Kirche in Altona in Einheit mit dem Nationalsozialismus zeigte. Die Gemeinden wurden dabei nicht nur von der NSDAP instrumentalisiert, sondern viele Kirchenmitglieder und Pastoren wollten selbst eine Verschmelzung von Christentum und Nationalsozialismus, wie es die „Deutschen Christen“ propagierten, schlossen sich ihnen deshalb an, oder sympathisierten mit ihnen. Viele glaubten, mit den Nationalsozialisten ließe sich endlich das Ziel einer starken „Volkskirche“ verwirklichen. Die Fortdauer von Bibellesung, Gebet, Gesang und Verkündigung in unseren Kirchen führte nicht zu Ablehnung und Widerstand.

2 Die historische Dokumentation belegt auch Widerstehen in Wort und Tat. Das „Altonaer Bekenntnis“ vom 11. Januar 1933 war zwar kein Bekenntnis gegen den Nationalsozialismus, und seine Unterzeichner gingen später sehr verschiedene Wege. Einzelne zogen ihre Unterschrift zurück und stellten sich mitten in die „neue Zeit“. Doch erwuchs aus dem Kreis der Unterzeichner unter anderem auch eine Gruppe der „Bekennenden Kirche“, die an der Osterkirchengemeinde angesiedelt war.

Die historische Dokumentation belegt allerdings auch, dass selbst in den Reihen der „Bekennenden Kirche“ eine antijüdische Grundhaltung verbreitet war.

3 Die historische Dokumentation belegt, wie unsere Kirche mit ihren Kirchenbuchämtern und der 1935 auf Betreiben der Landeskirche eingerichteten „Sippenkanzlei“ einen Beitrag zur nationalsozialistischen „Rassenpolitik“ leistete. Der Rückgriff auf die Kirchenbücher half, Menschen nach dem „Rassenbegriff“ als „jüdisch“ auszusondern. 1938 erstellte die Propstei Altona im Auftrag des Landeskirchenamtes eine Liste mit den Namen von 44 „getauften Juden“ für das „Reichsinstitut für die Geschichte des neuen Deutschland“. Mit Schrecken denken wir heute daran, dass diese Menschen möglicherweise durch kirchliche Mithilfe umgekommen sind.

Die Ausgliederung der „getauften Juden“ aus der Landeskirche im Dezember 1941 stieß in Altona auf keinen wahrnehmbaren Widerstand. Nach ihrer Wiedereingliederung 1947 erfolgte kein Wort des Bedauerns über das Unrecht und die unchristliche Zerstörung der Abendmahlsgemeinschaft mit diesen Gemeindemitgliedern.

4 Aber auch für die breite christliche Bevölkerung ist belegt, dass sie mit der Verbindung von Christentum und Nationalsozialismus vielfach sympathisierte und über das offenkundige Schicksal ihrer jüdischen Mitmenschen und anderer Verfolgter hinwegsah:

Als ihre Nachbarn aus ihren Wohnungen vertrieben wurden und bis zum Abtransport in die Ghettos und Vernichtungslager in so genannten „Judenhäusern“ wohnten, als jüdische Kinder von den Schulen verwiesen wurden, als jüdische Studierende die Universität verlassen mussten, als jüdische Beamte, Lehrerinnen und Lehrer entlassen wurden, als jüdische Ärzte nicht mehr praktizieren durften – schwiegen die Christinnen und Christen in Altona weiterhin.

Die Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Altona wurde weder bedauert noch gar durch mutiges Eingreifen behindert.

5 Die Synode des Kirchenkreises Altona bekennt darum: Wir stehen bis heute in der Verantwortung für die Vernichtung der jüdischen Gemeinde. Hierfür können wir keine Versöhnung erwarten und keine Wiedergutmachung leisten. Uns als Nachgeborenen bleibt der Respekt vor den Toten.

Die einst bedeutende jüdische Gemeinde Altonas fehlt uns heute. Das Christentum muss sich seiner jüdischen Wurzeln und Reichtum und Eigenständigkeit der jüdischen Religion anerkennen, damit es echte und bleibende Aussöhnung von Juden und Christen gibt.

6 Die Synode bringt ihr Bedauern zum Ausdruck, dass die bereits 1933 und 1934 entlassenen Pastoren – Propst Sieveking, Pastor Asmussen und Pastor Knuth – nach 1945 in Altona nicht rehabilitiert worden sind bzw. dass ihnen oder ihren Angehörigen kein Wort des Bedauerns über das erlittene Unrecht von kirchlicher Seite gesagt wurde.

7 Die Synode des Kirchenkreises Altona fordert ihre Gemeinden zur Erinnerungsarbeit auf. Die Gemeinden werden angeregt, durch Beteiligung an geeigneten Aktionen auf Spuren ihrer ehemaligen jüdischen Nachbarn hinzuweisen.

Wir sind aufgerufen, in Gottesdiensten, Bibelkreisen, Unterricht und Verkündigung darauf zu achten, dass antijüdische Vorurteile nicht tradiert werden.

Alljährlich soll von Kirchenkreis und Gemeinden an die erste Deportation jüdischer Bürgerinnen und Bürger aus Altona am 28. Oktober 1938 erinnert werden. Dazu soll die Zusammenarbeit mit anderen Altonaer Initiativen, Vereinigungen und Parteien gesucht werden.

Wir sind herausgefordert, jeglichem Antisemitismus und seiner Tolerierung entgegenzutreten. Wir sind herausgefordert, rassistischen und menschenverachtenden Denkweisen und entsprechenden Initiativen zu widersprechen.

 
 
 
   
 

JUBILÄUM Die Hamburger Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit wurde 1952 gegründet. Wie wichtig sie noch immer ist, zeigt der vorsichtige Titel der Festschrift: „Annäherungen“

 

Wichtig wie vor 50 Jahren

Nordelbische Kirchenzeitung 03.11.2002

Mit freundlicher Genehmigung der "Die Nordelbische"

von Detlev Mücke

Hamburg – Als die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit am 12. Mai 1952 auch in Hamburg gegründet wurde – in anderen Städten und Landesteilen hatte man schon vier Jahre zuvor diesen Schritt getan – war das Leben in Deutschland zwar noch immer von den Folgen des Krieges und der Nazi-Diktatur geprägt, aber doch weitgehend „normal“ geworden.

Zumindest aus heutiger Sicht war nicht normal, dass man sich möglichst wenig und wenn, dann mehr gezwungen als freiwillig, mit dem „TausendjährigenReich“ befasste. Allerdings war in diesem Gründungsjahr das „Wiedergutmachungs“-Abkommen mit Israel beschlossen worden – gegen massive Widerstände. Nur 11 Prozent der Bevölkerung der Bundesrepublik hielten Wiedergutmachung für nötig, fast die Hälfte lehnte sie ab. Dass Bundeskanzler Konrad Adenauer sie gegen starken Protest aus seiner Partei und selbst der Bundesregierung (die SPD stimmte geschlossen zu) durchsetzte, hatte nicht zuletzt die Begründung darin, dass ohne dieses Gesetz die internationale Eingliederung nicht möglich gewesen wäre.

Schon bald nach der Gründung der Hamburger Gesellschaft – einer von ungefähr 70 in der Bundesrepublik – waren 400 Persönlichkeiten Mitglieder geworden. Diese Zahl hat sich bis heute gehalten. Immer gehörten sehr prominente Vertreter von Politik und Kultur dazu, wie jetzt der Hamburger Ehrenbürger, der Schriftsteller Siegfried Lenz, der beim Festakt am 28. Oktober im Kaisersaal des Hamburger Rathauses die Festansprache hielt.

Auch die Auftaktveranstaltung am 20. November 1952 fand im Kaisersaal statt. Einer der „Motoren“ der Gründung der Gesellschaft, der Leiter der Hamburger Staatlichen Pressestelle, Erich Lüth, umriss damals die Aufgaben und Ziele: Es gehe darum, „die Gerechtigkeit und die Menschlichkeit wiederherzustellen und unseren Teil dazu beizutragen, dass den erschlagenen sechs Millionen Ehrfurcht entgegengebracht wird, denn es sind unsere Brüder und es sind unsere Toten“. Als zweite Aufgabe nannte er, „dass den Restgemeinden der Juden in Deutschland alle Furcht genommen und ihnen wieder ein wohnliches Heim bereitet wird, in dem sich unsere jüdischen Mitbürger wohlfühlen können“.

Nach 50 Jahren ist festzustellen, dass die Ziele zwar im Großen erreicht sind, die Mehrheit der Menschen voll hinter ihnen steht, aber dass es noch immer viele Unverbesserliche gibt, die von Antisemitismus und antidemokratischer Haltung geprägt sind und auch vor Anschlägen nicht zurückschrecken. Deshalb müssen die Synagogen, auch die Hamburger in der Hohen Weide, ständig bewacht werden, deshalb muss der Jüdische Friedhof an der Königsstraße in Altona abgeschlossen sein, obwohl der das vielleicht wichtigste Kulturgut der Hansestadt ist. Deshalb sah sich die Gesellschaft auch jetzt wieder veranlasst, eine Erklärung zum Antisemitismus vorzulegen.

Die Arbeit der Gesellschaft – Tagungen, Gesprächskreise, Veranstaltungen der unterschiedlichsten Art, Stellungnahmen zu aktuellen Ereignissen und Erklärungen zu grundlegenden Fragen – ist eine Bereicherung des kulturellen, religiösen und politischen Lebens der Stadt und immer noch sehr notwendig.

Eine der wichtigsten und Aufsehen erregendsten Arbeiten der Gesellschaft war die Erklärung „Absage an die Judenmission“ von 1995. Hier hatte die Gesellschaft eine – in der Mathematik würde man sagen eineindeutige – Stellung bezogen, die für die Nordelbische Kirche eine grundlegende Vorarbeit war. Erst sechs Jahre später verabschiedete die Nordelbische Synode eine Theologische Erklärung, die in dem Satz gipfelte: „Wir widersprechen allen Versuchen, Juden von ihrer Religion abzubringen.“ Die Gesellschaft ist für die Juden eine wichtige Organisation, für die Christen eine existenzielle.

Aus der Präambel der Satzung (Fassung von 2001)
Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V. Hamburg stellt sich die Aufgabe, Vorurteile und Missverständnisse zwischen Menschen verschiedenen Glaubens, verschiedener Nationalität oder verschiedener Herkunft abzubauen und an ihrer Überwindung mitzuarbeiten. Dabei sind insbesondere in gemeinsamer Verantwortung die Beziehungen zwischen Juden und Christen zu gestalten. Sie will für ihre Arbeit alle berufenen Organe des öffentlichen Lebens und Erziehungswesens um Unterstützung bitten.

Altonaer Synode: Erklärung über Mitschuld
Hamburg – Mit einer Erklärung zur Mitschuld der damaligen Propstei Altona an der Verfolgung jüdischer und anderer Bürger im Nationalsozialismus beendete die Kirchenkreissynode eine Veranstaltungsreihe „Erinnerung, Rechenschaft und Reue“. Im gleichzeitig verabschiedeten Aufruf fordert sie, jeglichem Antisemitismus und seiner Tolerierung entgegenzutreten und rassistischen Denkweisen zu widersprechen.

 
 
 
   
 

Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt. Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.
1. Korinther 12, 12-14, 26-27

 

Eine Kirche ohne Richter

Nordelbische Kirchenzeitung 20.10.02

Mit freundlicher Genehmigung der "Die Nordelbische"

von Pastor Michael Grabarske, St. Petri Altona

„Warum Kirche?“ Der junge Vater des Täuflings denkt eine Weile nach. „Wissen Sie, eigentlich sind wir nur Heilig Abend in der Kirche und jetzt soll unser Kind getauft werden. Aber austreten käme uns gar nicht in den Sinn, weil die Kirche der einzige Ort ist, wo ich sein kann wie ich bin, wo ich angenommen werde, wie ich bin - - so wie bei meiner Partnerin.“ – Die Kirche ein Ort von Liebesbeziehung. „Hier gilt nicht, was ich von Beruf bin, was ich verdiene und ob ich mich durchsetzen kann im Alltag. Hier ist Platz für das, was mich wirklich bewegt. Ich muss nichts verstecken.“

Manchmal reicht es schon zu wissen, dass Kirche da ist. Vielleicht nur die Ahnung davon, dass hinter diesen Mauern Geborgenheit wartet, da muss ich nichts leisten, da kann ich einfach nur sein. Idealtypisch? Sicher. Die Kirche Christi wird von Menschen gestaltet. Aber bei allen Streitigkeiten: Hier läuft zusammen, was sonst getrennt oder weit voneinander entfernt ist, hier kreuzen sich Lebenswege, die an anderen Orten ausgeschlossen sind. Unter dem Kreuz Christi kreuzen sich Lebensgeschichten. „... und sind alle mit einem Geist getränkt.“ Die Kirche ein Ort von Lebensgeschichte.

Der Leib aber ist nicht ein Glied, sondern viele. Zum Beispiel das Abendmahl: „Christi Leib für dich gegeben“, sagen wir und vergessen, dass der Empfangende selber ein Teil von diesem Leib ist zusammen mit den vielen, die da sind, die fein sind und die, die längst vor vor ihm waren. Manchmal ist das schwerlich auszuhalten. Selten ist mir das so bewusst geworden, wie bei der Vorbereitung der Ausstellung „Kirche – Christen – Juden“ in unserer Kirche in Altona. Wir stehen in einer Gemeinschaft mit Hetzern, Antisemiten, Auslieferern des Todes und denen, die durch sie ausgeliefert wurden. Unerträglich. Die Kirche hat sich „bereitwilligst“ (Zitat!) der nationalsozialistischen Rassepolitik zur Verfügung gestellt. Glieder des Leibes Christi haben in treuer Pflichterfüllung dafür gesorgt, dass andere Glieder des Leibes Christi – nämlich getaufte Juden – aus dem Leib ausgesondert und ausgeliefert werden. Nur: Die Konstituierung des Leibes Christi geschieht nicht durch Menschenhand. Allein Gottes Handeln bildet den Leib. Die Taufe ist sein Geschenk. Der Geist ist sein Geist, der uns empfängt und umweht und zusammenhält. Wer ist der Mensch, dass er darüber richten kann? Beschämt schauen wir auf den angeschlagenen Leib und schweigen, und schreiend können wir nicht anders als mitleiden. Kirche, ein Ort von mitleidender Gemeinschaft. „Hier kann ich sein, wie ich bin“. Ein Leib, der lebt. Eine Kirche ohne Richter.

 
 
 
   
 

Kirchengemeinde Horn und Bezirk Wandsbek weihten den Pastor-Dubbels-Weg ein

 

Ehrung der besonderen Art

Nordelbische Kirchenzeitung 19./20.10.02

Mit freundlicher Genehmigung der "Die Nordelbische"

Hamburg – Eine Ehrung und Anerkennung der ganz besonderen Art wurde am 13. September dem vor zwei Jahren durch einen tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommenen Pastor Hans-Jürgen Dubbels zuteil. Auf Initiative seiner ehemaligen Gemeinde, der Martinsgemeinde in Horn, in der er 40 Jahre als Pastor tätig war, wurde ein Weg nach ihm benannt.

Dubbels prägte durch seine Arbeit das Leben und Wesen seiner Gemeinde. Dies zeigte sich auch an dem regen Interesse, das die feierliche Enthüllung des Straßenschildes bei der Bevölkerung hervorrief. 180 Menschen nahmen an ihr und dem anschließenden Gottesdienst in der Martinskirche teil.

In seiner Arbeit suchte Dubbels immer wieder Nähe zu seiner Gemeinde. Hausbesuche waren ihm sehr wichtig und unter dem Motto „Heute habe ich Sie besucht, nun besuchen Sie mich am Sonntag im Gottesdienst“, füllte er seine Kirche. Manuela Freund, Konfirmandin des Jahrgangs 1976, sagt über ihn: „Beeindruckt hat mich seine Glaubwürdigkeit. Er war nicht nur ein überzeugender Prediger, sondern er handelte auch danach.“

Dieses Handeln zeigte sich schon im Dritten Reich, in dem er seine Ablehnung gegen das NS-Regime nicht verheimlichte und nur Dank der Intervention eines Kollegen nicht verurteilt wurde.

Die Benennung des bisher namenlosen Weges zwischen Bauerberg und Schetelinsweg in „Pastor-Dubbels-Weg“ wurde von dem Wandsbeker Bezirksamtsleiter Markus Schreiber vorgenommen. Propst Karl-Günther Petters ehrte in einer Ansprache Pastor Dubbels für seine die Gemeinde prägende Arbeit. Das Straßenschild enthüllte Gisela Dubbels, die Witwe des Pastors.
ke

 
 
 
   
 

Massenhochzeit – Mit einer Szenischen Lesung erinnert Michael Batz an ein – nur auf den ersten Blick skurriles – Kapitel der Altonaer Kirchengeschichte: 122 Paare wurden in Fünfer-Gruppen in St. Johannis getraut

 

Ein Ja-Wort mit unabsehbaren Folgen

Nordelbische Kirchenzeitung 13.10.02

Mit freundlicher Genehmigung der "Die Nordelbische"

von Detlev Mücke

Hamburg – „Im Anfang war das Wort...“ Der berühmte Beginn des Johannes-Evangeliums, mit dem sich auch Goethes Faust befasst, ist der Beginn der Szenischen Lesung „Das Wort: Ja – Eine Erinnerung an die Mitwirkung der Altonaer Kirche im Dritten Reich“.

Die Jahre 1932 und 1933 waren überall in Deutschland eine sehr bewegte Zeit. Im damals noch preußischen Altona aber geradezu dramatisch. Altona war weitgehend „rot“, eine Arbeiter-Stadt, Altona war eine Stadt mit einer sehr lebendigen jüdischen Gemeinde – hier hatten die Juden schon seit Jahrhunderten Freiheiten, die ihnen in der benachbarten „freien“ Hansestadt Hamburg verwehrt wurden – in Altona erkannten Männer und Frauen der Kirche schon zeitig, welche Gefahr der Nationalsozialismus bedeutete (Altonaer Bekenntnis). Altona war der Ort größter politischer Kämpfe (Altonaer Blutsonntag).

122 x Glück in Altona – geschenkt von Reemtsma

Im Mittelpunkt der unterschiedlichen Ströme stand die Johanniskirche, Sitz des Altonaer Propstes. Sie wurde als Ort der großen Massentrauung ausgewählt – einem Ereignis, das Zigtausende auf die Straßen lockte und Volksfestcharakter hatte. „122 x Glück in Altona“ titelte die Tageszeitung und beschrieb hymnisch die Wohltätigkeit der Firma Reemtsma und der Partei und ihrer Organisationen.

Die Szenische Lesung, die der Hamburger Autor und Regisseur Michael Batz für den Ort des damaligen Geschehens und aus Anlass der den ganzen Oktober andauernden intensiven Beschäftigung des Kirchenkreises mit der Verstrickung der Kirche in das Unrechtssystem des „Dritten Reiches“ geschaffen hat, nimmt die unterschiedlichen Ströme auf. Sie bietet zugleich Dokumentation als auch reflektierende Distanz. Sie appelliert an das Verantwortungsgefühl – ohne belehrend oder moralisierend zu sein. Mit Foto- und Video-Installationen, mit Musik, mit Beleuchtungseffekten nutzt Batz auch den gesamten Raum der Kirche. Die zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler gestalten sehr ausdrucksvoll mit der Stimme, manchmal aber auch mit schauspielerischen Kabinettstückchen (etwa als hymnische Leni Riefenstahl).

Ein Hans und eine Magda stehen für die 122 Paare, die „Ja“ sagten. Aber das „Ja“ steht hier für viel mehr: „Ja“ eines ganzen Volkes zu einem Führer, „Ja“ auch der meisten Menschen der Kirche zu einem System, das christlichen Grundsätzen gänzlich widersprach, „Ja“ und praktische Hilfe vieler in der Kirche selbst zu offensichtlichen Unrechtstaten.

„Nichtarische Paare sind ausgeschlossen – im Zweifelsfall sind die Kirchenbücher heranzuziehen“. So etwas stieß kaum jemandem auf, die Unvereinbarkeit mit dem christlichen Glauben erkannte so gut wie keiner.

Bis hierher hat mich Gott gebracht

„Bis hierher hat mich Gott gebracht“, singt der Chor der Zigarettenarbeiterinnen und ihrer Bräutigame in der Performance. Dieses Lied sangen am 28. Oktober 1933 auch die 122 Paare und die riesige Hochzeitsgesellschaft. Bei der Aufführung wurde deutlich, wie ein Kirchenlied völlig unterschiedlich verstanden und benutzt werden kann: Für den Glaubenden ist es dankbares Gotteslob, es kann – wie im Film „Hauptmann von Köpenick“ – zur puren Ironie werden, zum Lob des Führers gesungen wird es blasphemisch.

Batz baut Leni Riefenstahl ein, die natürlich damals in Altona nicht dabei war. Aber die ganze Inszenierung war von Riefenstahlscher Perfektion und gewollter Naivität („Malediven oder Nürnberg – wo ist da der Unterschied?“, sagt sie).

In St. Johannis wurde auch die Weihe des Krieges begangen, wurde zu Justizmorden geschwiegen. Und St. Johannis war ja nicht eine Ausnahme.

 
 
 
   
 

ANGEMERKT

 

Erinnern für die Gegenwart

Nordelbische Kirchenzeitung, 29. September 2002

Mit freundlicher Genehmigung der "Die Nordelbische"

VON PROBST HORST GORSKI

Mehr als 50 Jahre nach dem Ende des „Dritten Reiches“ hat der Kirchenkreis Altona den Historiker Bernhard Liesching beauftragt, die Archive des Kirchenkreises und der Gemeinden nach Material aus den Jahren 1933-1945 durchzusehen und die wichtigsten Zeitzeugnisse in einer Studie zu dokumentieren. Die Synode des Kirchenkreises Altona hatte sich schon 1988 und 1998 mit dem Thema „Juden und Christen“ befasst. Nun nahm die die Nordelbische Wanderausstellung „Kirche-Christen-Juden in Nordelbien 1933-1945“ zum Anlass, die Vergangenheit der Propstei Altona zu dokumentieren.

Im Verhandlungsbuch des Altonaer Pastorenkonvents findet sich unter dem 4. November 1933 folgende Eintragung:

„Dieses Verhandlungsbuch ist hiermit geschlossen. Eine neue Zeit beginnt!
Dührkop, stellv. Propst
Heil Hitler!“

Die Studie legt Zeugnis davon ab, wie die Kirche in der Propstei Altona in diese „neue“ Zeit hineinging und sich in ihr verhielt. Eine summarische Beurteilung der Zeit und ihrer Menschen kann und will die Studie nicht bieten. Jeder wird selbst sehen, wo die Dokumente von Schuld, Mitläufertum, Naivität oder Unmenschlichkeit zeugen und wo sie von Zivilcourage und Menschlichkeit sprechen.

Das „lokale Fenster“ der Ausstellung zeigt das Schicksal des judenchristlichen Pastors Auerbach, der sein Amt verlor und die ausgesonderte judenchristliche Gemeinde betreuen sollte. Nach 1945 übertrug man ihm nahtlos die Seelsorge an Judenchristen...

Die Kirchenkreissynode wird am 26. Oktober über eine Erklärung beraten, die erstmals die kirchliche Mitverantwortung für die Verfolgung der Judenchristen in Altona benennt. So hat z. B. die selbstverständliche „Amtshilfe“, die die „Sippenkanzlei“ der Propstei den staatlichen Meldestellen leistete, das Erfassen von Judenchristen in Altona ermöglicht. Das Schweigen zur Hinrichtung der vier Kommunisten, die für den „Altonaer Blutsonntag“ verantwortlich gemacht wurden, hat geholfen, diese Morde zu legitimieren. Das widerspruchslose Hinnehmen der Absetzung von Propst Sieveking 1934 hat einem Geist nationaler Begeisterung und vorauseilenden Gehorsams die Tür geöffnet, der viele Menschen ihr Amt oder ihr Leben gekostet hat.

Die Synode wird in ihrer Erklärung auch bedenken, welche Herausforderung sich aus diesen Erinnerungen für die Gegenwart ergibt.

 
 
 
   
 

AUS DEN KIRCHENGEMEINDEN
ALTONA Ein Kirchenkreis stellt sich seiner Vergangenheit im „Dritten Reich“

 

Rechenschaft und Reue

Nordelbische Kirchenzeitung, 29. September 2002

Mit freundlicher Genehmigung der "Die Nordelbische"

VON DETLEV MÜCKE

HAMBURG – Der Oktober steht im Kirchenkreis Altona ganz im Zeichen der Beschäftigung mit seiner Vergangenheit, dem Verhalten der Christen, der Pastoren und der Verantwortungsträger im „Dritten Reich“. Das Motto „Erinnerung, Rechenschaft und Reue“ zeigt, dass es nicht nur um einen Rückblick geht, sondern um die Frage, welche Erkenntnisse für heute aus dem Verhalten der Eltern- und Großelterngeneration gezogen werden können – und müssen.

Deshalb münden die Veranstaltungen in eine Tagung der Altonaer Kirchenkreis-Synode, die sich mit dem Thema befassen wird und über eine Beschlussvorlage zur Frage, welche Verantwortung sich aus der Erinnerung ergibt, welche Forderungen an die Gegenwart zu stellen sind, abstimmen will.

Der anderer Schwerpunkt ist die Ausstellung „Kirche-Christen-Juden in Nordelbien 1933 bis 1945“, die in der St. Petri-Kirche vom 3. Oktober an zu sehen ist. Diese von der Nordelbischen Synode in Auftrag gegebene Wanderausstellung hat schon in vielen Orten Nordelbiens großes Interesse gefunden. In der Regel wird zu ihr ein „lokales Fenster“ geöffnet, das sich mit dem ganz speziellen Verhalten der Gemeinde oder des Kirchenkreises im Nationalsozialismus befasst. In Altona ist es besonders umfangreich und vielfältig.

Ein ganz besonderer Aspekt wird in der Johanniskirche zum Leben erweckt: In einer „szenischen Erinnerung“ wird eine der aus heutiger Sicht absurdesten Aktionen, die Massentrauung von 122 Arbeiterinnen der Zigarettenfabrik Reemtsma mit arbeitslosen Männern, gestaltet. Der Hamburger Autor und Regisseur Michael Batz verbindet diese „Reemtsma-Hochzeit“ mit anderen Ereignissen in dieser Kirche, wie einem Gottesdienst zur Weihe des Krieges – vier Wochen vor dem Überfall auf Polen.

St. Johannis war damals Amtssitz des Altonaer Propstes. 1934 wurde der amtierende Propst Sieveking abgesetzt, der nazitreue Propst Schütt von der nazitreuen Kirchenbehörde in Amt eingesetzt. St. Johannis wurde unter ihm zum Weihe- und Kultort der deutschen Volksgemeinschaft.

„Eine neue Zeit beginnt“ – das war das Versprechen der Nazis, das war die Hoffnung und die Überzeugung vieler Menschen. Auch sehr viele Christen glaubten der Propaganda, waren bereit mitzumachen, selbst wenn sie in Konflikt mit ihrer Kirche gerieten. Ebenso wie sie den demokratischen Staat ablehnten, bevorzugten sie autoritäre Führungsstrukturen auch in der Kirche.

Der Kirchenkreis Altona hat dem Historiker Bernhard Liesching den Auftrag gegeben, eine Geschichte dieser Zeit der Verstrickungen zu verfassen. Unter dem Titel „Eine neue Zeit beginnt“ ist er den Spuren, so weit sie heute noch vorhanden oder sichtbar sind, nachgegangen. Eine eindruckvolle Sammlung ist zustande gekommen, ein sehr nachdenkenswertes Kompendium über Schuld und Versagen, aber auch über Zeugnisse der Standhaftigkeit, wie das Altonaer Bekenntnis. Aber die meisten der Unterzeichnern begrüßten gleichzeitig den Machtantritt Hitlers. Für uns heute ist es oft nicht nachzuvollziehen, wie völlig Divergierendes oft – offensichtlich problemlos – zusammentraf. Ebenso schwer zu verstehen ist, wie wenig sich die Kirche nach dem Krieg ihrer Vergangenheit gestellt hat – auch da war sie ein Spiegelbild der Gesellschaft. Heute darüber nachzudenken – dafür gibt es reichlich Anlässe.„In welcher unserer Altonaer Gemeinden weiß man denn, was in der eigenen Kirche gepredigt, im eigenen Gotteshaus weitergegeben wurde? Wo gab es nach 1945 das kritische Gespräch über die in diesem Punkt allzu unvollständigen Gemeindechroniken? Umfangreich ist die Erinnerung an die grausamen Bombennächte. Die Erinnerung an die Zerstörung aller humanen Werte dagegen tritt zurück.“

Ulrich Hentschel aus dem Nachwort zu „Eine neue Zeit beginnt“

Bernhard Liesching: „Eine neue Zeit beginnt – Einblicke in die Propstei Altona 1933-1945“. Ab 3.10.02 für sechs Euro in der Ausstellung, in Gemeinden und im Buchhandel erhältlich.

 
 
 
   
 
   

Gruß vom Kirchplatz

Nordelbische Kirchenzeitung 22.09.2002

Mit freundlicher Genehmigung der "Die Nordelbische"

Liebe Leserin, lieber Leser!
„Der Krieg rückt einem Volk am nächsten, wenn es schwach ist“, dröhnt der junge Mann im langen Mantel und schwarzen Stiefeln vom Rednerpult. Und er rückt in unsichtbare Ferne, wenn es seine Stärke behauptet und beweist. Goebbels Rede zur Einweihung der Nordmark-Weihestätte, dem heutigen Kalkbergstadion in Segeberg, ist Teil der Ausstellung „Kirche, Juden und Christen in Nordelbien von 1933 bis 1945“.

Pastor Voß hat mit seiner Arbeitsgruppe einen Film ausgegraben, der diese Rede dokumentiert. „Wir sind nicht die Vertreter der Industrie, der Agrarier, des Mittelstandes, des Handwerks oder der Arbeiter. Wir sind die Vertreter des deutschen Volkes,“ ruft, schreit, brüllt er durchs Mikrophon. Von der Freiheit und Ehre dieses Volkes ist die Rede. Und davon, dass die einzelnen Teile nur darin ihre Bedeutung haben, dass sie Teile dieses Volkes sind.

Vieles hat mich an der Ausstellung bewegt. Die Geschichte der evangelischen Gemeinde in Theresienstadt, die ein Mann mitbegründete, den die Kirche als Juden ausgegrenzt hatte und dessen Frau zu beerdigen sie sich geweigert hatte. Lebensgeschichten von Menschen, die Widerstand geleistet haben und Lebensgeschichten von solchen, die zu Tätern wurden. Der Nordelbischen Kirche ist eine eindrucksvolle Ausstellung gelungen.

Aber dieser sympathische junge Mann, der etwas lauthals seine banale Botschaft verbreitet, der hat mich besonders nachdenklich gemacht. Er zeigt die Verführungskunst des Bösen, seine Verkleidung. Was dem ganzen Volk dient, kann doch nicht schlecht sein? Was sich so alltäglich und vernünftig anhört, sollte das etwa mörderische Züge tragen? Seine Botschaft klingt so harmlos, so wohlmeinend für alle. Und sie hat so entsetzlich lange, abgründige Schatten. Wehe dem, der nicht „richtig“ zu diesem Volk gehört! Und am Ende, ganz am Ende: „Wehe diesem Volk!“

1938 wurde die Nordmark-Weihestätte eingeweiht, zur 800-Jahrfeier Segebergs. Dicht gedrängt sitzen die Honoratioren und die einfachen Leute zu Tausenden im weiten Rund. Ein Jahr später ziehen sie in den Krieg.

Mich treibt die Frage um, ob ich denn heute die Verführung des Bösen durchschaue. Im Umgang mit den Fremden, mit der Natur in politischen Auseinandersetzungen, in Fragen der Bioethik. Was bestimmt und regiert mich zuletzt und in Wahrheit? Ist meine Kirche, bin ich gehalten genug im Geist Gottes, um den Verführungen, Verharmlosungen, Vernünftigkeiten des Bösen zu widerstehen?

Herzliche Grüße an Sie alle
Ihr Propst Dr. Klaus Kasch

 
 
 
     

Impressum | Copyright 2001 | Nordelbisches Kirchenamt - Archiv - | Postfach 3449 | 24033 Kiel