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Presseberichterstattung Wandsbek in Hamburg-Stormarn
 

 

 

 

 

09/02

Stormarnspiegel:
Nach-Denkliches
 

09/02

Stormarnspiegel:
Fürbittengebet
 

07.07.02

Nordelbische Kirchenzeitung:
Erbe der Vergangenheit
 

02.07.02

Markt:
Kirche ehrt verfolgte Pastoren-Familie
 

06.02

Wandsbeker Bote:
Kirche - Christen - Juden
 

06-08/02

Stormarnspiegel:
Einladung zum Gottesdienst; Gedenktafel für Pastor Bernhard Bothmann
 

02-05/02

Stormarnspiegel:
Ausstellung: "Kirche - Christen - Juden"
 

23.05.02

Walddörfer MARKT:
Ausstellung:„Kirche, Christen und Juden in Nordelbien“
 

19.04.02

ak - analyse & kritik
Zeitung für linke Debatte und Praxis:
"... judenreiner als irgendeine andere Organisation"
Willige Verstrickung: die Evangelische Kirche und der Nationalsozialismus

 

12/01 - 02/02

Stormarnspiegel:
Gedenken an P. Bothmann
 

03-04/.01

Stormarnspiegel:
Informationen über Pastor Bothmann
 

03/04.01

Stormarnspiegel
Ki`Kreis-Synode am 21. Februar 2001
 

05/08.84

Stormarnspiegel
Rot Front, Herr Pastor!
 

 
   
 
Gedenktafel
Dass die Kirchen im Dritten Reich viel Schuld auf sich geladen haben, ist sehr zögerlich eingestanden worden. Zu den Opfern gehörten Pastor Bothmann und seine Frau
 

Erbe der Vergangenheit

Nordelbische Kirchenzeitung Nr. 28, 07.07.02002

Mit freundlicher Genehmigung der "Die Nordelbische"

von Detlev Mücke

HAMBURG– Es gibt kein wirklich passendes Wort, dass die Versuche, sich dem Erbe der Vergangenheit zu stellen, treffend bezeichnet. Weder „Wiedergutmachung“ noch „Vergangenheitsbewältigung“ sind stimmig. Wiedergutmachen kann man Tod, Schmerzen, Demütigungen nie und die Vergangenheit ist nicht ungeschehen zu machen. Alle Versuche sind unzureichend.

Dennoch ist es zu begrüßen, wenn – auch sehr spät, was gerade im Fall der Kirche sehr bedauerlich ist – Menschen oder Institutionen ihre Schuld bekennen und Zeichen setzen.

Im Kirchenkreis Stormarn, speziell in Wandsbek, gibt es einen besonderen Fall des Fehlverhaltens im Dritten Reich und des mangelnden Mutes – und was noch schlimmer ist: der fehlenden Scham, des fehlenden Schuldbewusstseins nach dem Zusammenbruch. Pastor Bernhard Bothmann wirkte an der Kreuzkirche in Wandsbek. Da er mit einer Christin jüdischer Herkunft verheiratet war, wurde er von der Kirche aufgefordert, sich – im Sinn der Nürnberger Gesetze – von seiner Frau zu trennen. Bothmann widersetzte sich diesem Ansinnen und wurde daraufhin vom Dienst suspendiert.

Nach dem Krieg erhielt er sein Amt zurück, allerdings ohne irgendein Wort des Bedauerns oder Entschuldigung. In dem Schreiben ohne Anrede heißt es: „Unter Aufhebung Ihrer Versetzung in den einstweiligen Ruhestand erklären wir uns damit einverstanden, das Sie Ihren Pfarrdienst in der Kirchengemeinde Wandsbek wieder aufnehmen und Ihnen die vollen Dienstbezüge gezahlt werden.“

Im vergangenen Jahr schließlich bekannte sich die Kirche zu ihrer Schuld an der Familie Bothmann. Wenn schon nicht die christliche Gemeinde, so hatte doch wenigstens die politische Gemeinde zuvor ein Zeichen gesetzt. Seit 1961 erinnert eine Straße in Wandsbek an die Familie Bothmann. Da war Pastor Bothmann schon lange tot, aber seine Witwe Emmy lebte noch 16 Jahre, bis sie 93-jährig starb.

Nach dem Schuldbekenntnis im vorigen Jahr wurde jetzt auch von der Kirche ein sichtbares Zeichen gesetzt. Am vorigen Sonntag übergab Bischöfin Maria Jepsen eine Gedenktafel, die an der Kreuzkirche befestigt ist, der Öffentlichkeit. Die Bischöfin erklärte unter anderem: „Wie verblendet waren unsere Väter und Mütter, wie verhaftet einem Geist, der nicht von Gott kam! Wie klar war der Blick von Pastor Bothmann und wie stark sein Glaube, seine Liebe, seine Verantwortung vor Gott und seiner Familie, vor der Kirche und Gesellschaft.“

In ihrer Ansprache machte Maria Jepsen deutlich, dass es bei der Anbringung der Gedenktafel vor allem auch um die Menschen heute und in Zukunft geht: „Heute wird kein Schlussstrich gezogen. Das können wir nicht. Aber wir können uns mahnen und stärken lassen in unserer Verantwortung Menschen gegenüber, denen wir Unrecht getan haben, die heute noch leiden, die heute bedroht und diskriminiert werden.“

 
 
 
   
 
 
 
 
 

"... judenreiner als irgendeine andere Organisation"
Willige Verstrickung: die Evangelische Kirche und der Nationalsozialismus

ak - analyse & kritik
Zeitung für linke Debatte und Praxis 461, 19.04.2002

Als Adolf Hitler 1933 die Macht übernahm, wurde in den Kirchen gejubelt. Später waren sie in alle Bereiche der NS-Politik willig verstrickt. Das ging von der Überführung kirchlicher Jugendorganisationen in die HJ und den Betrieb eigener Zwangsarbeiterlager bis zur Aussonderung Behinderter für die Euthanasie. Eine erdrückende kirchliche Mehrheit, selbst gnadenlos antisemitisch, sah in Hitler den von Gott gesandten Erfüller eigener Anliegen.

Bischof Wurm drückte seine Zustimmung zur "Judenpolitik" der Nazis 1937 in der Stuttgarter Stiftskirche so aus: "Die Kirche hat nicht die Aufgabe, in die Judengesetzgebung des Dritten Reiches einzugreifen. Vielmehr werden wir von der Kirche her aus der bald 2000-jährigen Erfahrung sagen müssen: der Staat hat recht ... Man braucht nur Luthers Schriften zur Judenfrage zu lesen, um zu finden, dass das, was heute geschieht, ein mildes Verfahren gegenüber dem ist, was Luther und viele andere gute Christen für nötig gehalten haben."

Der kirchliche Antisemitismus wurzelt in der christlichen Antike. Die junge Kirche beschuldigte die Juden, den Erlöser der Menschheit ermordet zu haben. Folglich galten sie im Mittelalter nicht wie andere Fremde als Bestien, sondern als Teufel: als Brunnenvergifter, wenn die Pest wütete, als Mörder, die sich am Blut geschlachteter Kinder berauschten, als Hostienschänder, die im Wahn den Gottesmord ständig wiederholten. Die reformatorischen Kirchen verabschiedeten sich zwar von blutigen Mythen, kultivierten aber einen nicht minder wirksamen Antisemitismus. Auch für sie hatten verbissene Pharisäer, rachsüchtige Gesetzesausleger und geldgierige Judasse Christus getötet. In den Kirchen formte sich über die Jahrhunderte ein ewig gültiges Charakterbild von "dem Juden", einem zu allem fähigen moralischen Unhold mit teuflischen Zügen. So waren die Kirchentore geöffnet für die Wahnideen des völkischen Antisemitismus im 19. Jahrhundert: für die rassische Minderwertigkeit, die Vergiftung von Sitte und Kultur, die Gier nach Weltherrschaft, die Bedrohung der Ordnung durch einen geldgierigen Kapitalismus und einen besitzgierigen und Familien zerstörenden Kommunismus.

"Wir bitten Gott, den Führer zu segnen"

Judenfeindschaft, Hass auf die gottlose Arbeiterbewegung und völkischer Erwählungsglaube waren in den Kirchen tief verwurzelt. So verwundert es nicht, dass die Kirchen den völkischen Antisemitismus förderten, seine Krönung im Nationalsozialismus als Gottes Werk begrüßten und in Hitler den Vollstrecker christlich verpackter Rache- und Herrschaftsfantasien erblickten.

Offenbar stieß es auf kirchliches Wohlgefallen, wie die SA nach dem 30. Januar 1933 mit den sog. Novemberverbrechern aufräumte, Sozialisten und Gewerkschaftler in die ersten KZs verschleppte und öffentliche Ausschreitungen gegen Juden organisierte. Denn am 21. März, als Hitler sein Regierungsprogramm zum Ermächtigungsgesetz vom goldenen Lesepult der Potsdamer Garnisonskirche, von dem sonst die Bibel verlesen wurde, bekannt gab, verkündete der Berliner Generalsuperintendent Dibelius zur Eröffnung des Reichstages und am Tag nach der Errichtung des ersten KZs in Dachau über alle deutschen Sender, "dass die Kirche der rechtmäßigen staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf ... Wir kennen die furchtbaren Worte, mit denen Luther im Bauernkrieg die Obrigkeit aufgerufen hat schonungslos vorzugehen, damit wieder Ordnung im Lande werde ... Wenn der Staat seines Amtes waltet gegen die, ... die mit ätzenden und gemeinen Worten die Ehe zerstören, den Glauben verächtlich machen, den Tod für das Vaterland begeifern - dann walte er seines Amtes in Gottes Namen."

Bei den Judenpogromen der SA nach der Reichstagswahl am 5.3.1933 leisteten führende Kirchenvertreter Schützenhilfe, indem sie sich über die "Gräuelpropaganda" der kirchlichen Auslandspresse empörten. Den telegrafischen Hilferuf der Reichsvertretung deutscher Juden an den Evangelischen Oberkirchenrat und an Kardinal Bertram "Die deutschen Juden erhoffen gegenüber den gegen sie gerichteten Bedrohungen ein baldiges Wort ..." ignorierten beide Kirchen. Ihre Untätigkeit beruhte auf der Überzeugung, dass Hitler Deutschland vor einem Umsturz gerettet habe, der auf eine Verschwörung von Juden und Kommunisten zurückgehe. Aus dieser Sicht begrüßte man die Brutalitäten der SA als harten Schutz des Volkes durch den Staat.

"Die Juden sind das Feindvolk"

Die damals herrschende Stimmung kommt<D%0> anschaulich in der Reaktion der Pfarrer zum Ausdruck, die sich Dietrich Bonhoeffers Vortrag "Die Kirche vor der Judenfrage" anhörten. Nachdem er davon gesprochen hatte, "nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen," beendete er seinen Vortrag vor fast leerem Saal. "Wer 1933 nicht an Hitlers Mission glaubte, der war ein verfemter Mann, auch in der Bekennenden Kirche", kommentierte Karl Barth. Die angeblich oppositionelle Bekennende Kirche (BK) bildete sich aus dem Pfarrernotbund. Dieser entstand im Protest gegen die vom Staat nicht geforderte Übernahme des Arierparagrafen in die Kirche. Die deutschen Christen (DC) forcierten seine Einführung. Die BK formierte sich im Mai 1934. Aber auch wer ihr beitreten wollte, musste in Preußen den Satz unterschreiben: "Solches Bekenntnis schließt ein die Verpflichtung zur Treue und Hingabe an Volk und Vaterland."

Frühes Opfer dieser Gesinnung war ihr theologischer Vater, Karl Barth. Er war Sozialdemokrat, verweigerte den deutschen Gruß und den beamtlichen Treueid. Schnell waren sich die Organe der BK einig, "dass gegenwärtig Barth die größte Gefahr für die Deutsche Evangelische Kirche ist". Anders als Barth und Bonhoeffer sah die große Mehrheit der BK nicht im NS-Staat als solchen das zu bekämpfende Übel, sondern in seiner neuheidnischen Religiosität. Nicht wenige betrachteten den völkischen Germanenkult des deutschgläubigen Flügels der NSDAP um Rosenberg, Himmler, Streicher und Heß als "religiösen Bolschewismus". Sie setzten auf den Flügel des "positiven Christentums" um Hitler, Frick, Kerrl und Göring. Nicht umsonst wählte die BK Bischof Marahrens zu ihrem Führer. Er war mit dem für Kirchenfragen zuständigen Innenminister Frick persönlich befreundet. Die Reichsleitung der NSDAP stellte fest: "Amtswalter der NSDAP dürfen der BK angehören." Kein Wunder. Denn nachdem die DC Ende 1933 rasch zerfiel und Hitlerfreund Reichsbischof Müller den Arierparagrafen zurücknahm, triumphierte die BK, dass "ungezählte treue Nationalsozialisten ... treu zu ihrem Führer und ihrer Kirche stehen, ohne dabei die Führung Hossenfelder (Führer der DC) anzunehmen."

Nach der Reichspogromnacht schwiegen alle kirchliche Organe. Der Bischof der sog. intakten württembergischen Landeskirche Wurm schrieb am 6.12.1938 an Reichsjustizminister Gürtner: "Ich darf aus einer langjährigen Erfahrung sagen, dass es kaum einen Stand geben dürfte, der von jüdischem Wesen sich so frei gehalten hat ... wie der evangelische Pfarrerstand ... Ich bestreite mit keinem Wort dem Staat das Recht, das Judentum als ein gefährliches Element zu bekämpfen." Einer der wenigen, der gegen den mörderischen Terror der Reichsbrandnacht ein unzweideutiges Wort predigte, war Pfarrer von Jan im württembergischen Oberlenningen. Die Kirchenleitung versuchte vergeblich, ihn zum Widerruf zu bewegen. Sie kürzte dann sein Gehalt. Von Jan wurde von der SA vor seinem Haus zusammengeschlagen, später zu 16 Monaten Gefängnis und fünf Monaten Strafhaft verurteilt. Er starb nach dem Krieg an den Folgen der Haft.

Kirchlicher Protest regte sich auch nicht gegen den Krieg und gegen die immer brutalere Verfolgung der Juden. Der Krieg wurde bejubelt und die Judenchristen aus den Kirchen gedrängt. Ab dem 30. Januar 1939 kündigte Hitler wiederholt "die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" für den Fall eines Weltkrieges an. Die Junge Kirche, das Organ der BK, erklärte zum 50. Geburtstag Hitlers: "Die Gestalt des Führers hat auch für die Kirche eine neue Verpflichtung heraufgeführt. Der Christ, der das Walten der Vorsehung in den Wandlungen der Weltzeit spürt, vernimmt den Anruf treuer zu glauben, inniger zu lieben, stärker zu hoffen, fester zu bekennen ... Wir bitten Gott, den Führer zu segnen." Nach dem Überfall auf Polen hieß es in einer Kanzelabkündigung des Evangelisch-Lutherischen Kirchenrates München zum Erntedankfest: "Wir danken ihm, dass er unseren Waffen einen schnellen Sieg gegeben hat, ... dass uralter deutscher Boden zum Vaterland heimkehren durfte ... Und mit dem Dank gegen Gott verbinden wir den Dank gegen den Führer und seine Generäle."

Die Kirchenkanzlei, die offizielle Vertretung der Deutschen Evangelischen Kirche, forderte am 22.12.1941: "Den Durchbruch des rassischen Bewusstseins in unserem Volk ... hat die Ausscheidung der Juden aus der Gemeinschaft der Deutschen bewirkt ... Wir bitten daher im Einvernehmen mit dem Geistlichen Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche die obersten Behörden, geeignete Vorkehrungen zu treffen, dass die getauften Nichtarier dem kirchlichen Leben der deutschen Gemeinde fernbleiben. Die getauften Nichtarier werden selbst Mittel und Wege suchen müssen, sich Einrichtungen zu schaffen, die ihrer gesonderten gottesdienstlichen und seelsorgerlichen Betreuung dienen können". Einen Protest von Bischof Wurm beantwortete der Geistliche Vertrauensrat erst dreieinhalb Monate später: "Das Judentum ist für uns Deutsche ohne Frage Feindvolk. Auch von den in Deutschland lebenden Juden ist mit Sicherheit anzunehmen, dass sie einen Sieg der deutschen Waffen mit Leidenschaft nicht wollen. Wie sollen wir uns aber im Gebet für Führer, Heer und Volk mit denen vereinigen können, die statt des Sieges, den wir erbitten, die Niederlage herbeisehnen."

Eine Blanko-Vollmacht für alle erdenklichen Gräuel gegen die Juden schickte Bischof Marahrens seinem Freund, dem Reichsinnenminister Frick: "Die Rassenfrage ist als völkisch-politische Frage durch die verantwortliche politische Führung zu lesen. Sie allein hat das Recht, die notwendigen Maßnahmen zur Reinhaltung des deutschen Blutes und zur Stärkung der völkischen Kraft zu treffen ... Wir lehnen es als Vertreter der Evangelischen Kirche bewusst ab, uns in diese Verantwortung einzumischen."

Klaus-Peter Lehmann

Christliche Selbstkritik

Eine Wanderausstellung der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche "Kirche, Christen, Juden 1933-45 in Nordelbien" zeigt anhand von zwölf Biografien die Varianten kirchlicher Verhaltensweisen während der NS-Zeit. Es gab Mörder, Fanatiker, Zwiespältige, Opfer und Hilfsbereite. Das Verdienst der Ausstellung liegt darin, dass sie auf die immer vorhanden gewesenen Entscheidungsspielräume hinweist. Bewegend ist die Gründung einer evangelischen Gemeinde im KZ Theresienstadt. Ein "lokales Fenster" weist auf Geschehnisse im Umkreis des Ausstellungsortes hin.

In Hamburg ist die Ausstellung zu sehen in der Christus-Kirche Wandsbek, Schloßstraße 78, 8.-31.5.02;
Gemeindezentrum Mümmelmannsberg, Havighorster Redder 50, 7.-30.6.02;
St. Petrikirche Altona, Schillerstraße 22, 3.10-3.11.02;
St. Pauluskirche Harburg-Heimfeld, Alter Postweg 46, 10.11.-8.12.02.

 
 
 
   
 
     

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