Download

Unterrichtsmaterialien

Pressearchiv und
Rahmenprogramme

Literatur
 
   

Presseberichterstattung Uetersen
 

 

 

 

Auf dieser Website werden Artikel nur dann im Volltext dargestellt, wenn eine Genehmigung der Verlage erteilt wurde. Wir bitten um Verständnis.

16.09.2004

Uetersener Nachrichten:
Selbstmord aus Verzweiflung -
Ursula Büttner referierte über das Schicksal Jochen Kleppers

 

10.09.2004

Uetersener Nachrichten:
Theater und Kino zur Ausstellung -
„Kirche, Christen, Juden“: Tanztheater in Kirche, Film im Burgkino

 

07.09.2004

Uetersener Nachrichten:
Jüdisches Leben -
Diskussionsveranstaltung in der Christuskirche Pinneberg

 

04.09.2004

Uetersener Nachrichten:
Meinungsforum -
Das Wort zum Sonntag
Otto von Dorrien – Pastor in schwerer Zeit

 

03.09.2004

Uetersener Nachrichten:
Zur Schuld bekannt -
Ausstellung über Christen und Juden von Pröpstin eröffnet

 

01.09.2004

Uetersener Nachrichten:
Das „Recht“ der Nazis
Rechtsanwalt Stäcker über antijüdische Gesetzgebung im NS-Staat

 

25.08.2004

Uetersener Nachrichten:
Ein dunkles Kapitel für die Kirche -
Vortrag leitet die Ausstellung „Kirche, Christen, Juden“ ein

 

 
   
 
   

Selbstmord aus Verzweiflung

mit freundlicher Genehmigung der
Uetersener Nachrichten

Ursula Büttner referierte über das Schicksal Jochen Kleppers

Uetersen (sc). Im Rahmen der Wanderaussstellung „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933 bis 1945“ referierte Professorin Ursula Büttner in der Klosterkirche zum Thema „Jochen-Klepper und die Verfolgung der christlichen-jüdischen Mischehen“.

Das Schicksal Jochen Kleppers und seiner Familie steht exemplarisch für vielleicht 40 bis 50.000 betroffene „Mischehen“, wie im nationalsozialistischen Jargon die Ehe zwischen einem deutschen und jüdischen Ehepartner(in) abqualifiziert wurde.

Die Besonderheit und auch, bis zu einem gewissen Zeitpunkt, „bevorzugte“ Behandlung der Familie lag in dem Ruhm begründet, den der Schriftsteller Jochen Klepper durch seinen Roman „Der Vater“ erlangte. Doch die konsequent betriebene Judenpolitik der braunen Machthaber bewirkte, dass das Leben der Familie Klepper und der anderen betroffenen Menschen, die in einer Mischehe lebten, immer unerträglicher wurde und die Lebensgefahr wuchs.

Jochen Klepper und seine jüdische Ehefrau, die ihre Lage schließlich als hoffnungslos begriffen und keinen anderen Ausweg mehr wussten, wählten den Freitod.

„Die Nazis verfolgten zielstrebig und konsequent ihre Judenpolitik mit dem Endziel, die Juden aus dem deutschen Volk zu entfernen,“ stellte Ursula Büttner fest, „Das bezog sich auch auf die getauften Juden, die sich nach Auffassung der Nazis nur getarnt hatten.“

Als sogenannte privilegierte Ehe habe die eheliche Gemeinschaft zwischen einem deutschen Mann und einer jüdischen Frau gegolten. Die Schonung der Mischehe sei im Jahre 1942 zu Ende gegangen. Eines der Opfer war die jüngste Tochter (Renate), die Hannah Klepper mit in die Ehe gebracht hatte. Die älteste Tochter war bereits im Jahre 1939 nach England emigriert.

Jochen Klepper empfand die zunehmende Isolation als „Trennung von Volk und Heimat“. „Meine Isolation ist so groß; der isolierte Künstler ist kein Künstler!“ formulierte der Autor. Die Kirche enttäuschte ihn, was er nicht als Ohnmacht, sondern als Versagen wertete.

Die nicht arischen Christen fühlten sich in der Kirche allein, der „Mischling“ erlebte, wie die arischen Christen, die vor ihm saßen, aufstanden und sich woanders hinsetzten. „Wohl dem, der auf der Seite der Leidenden gehört,“ stellte Klepper fest.

 
 
 
   
 
   

Theater und Kino zur Ausstellung

mit freundlicher Genehmigung der
Uetersener Nachrichten

„Kirche, Christen, Juden“: Tanztheater in Kirche, Film im Burgkino

Uetersen (fub). Die zurzeit in der Klosterkirche laufende Ausstellung „Kirche, Christen, Juden“ der Nordelbischen Kirche wird von zwei weiteren Veranstaltungen begleitet. Am kommenden Montag, 13. September, wird das Hamburger Tanztheater „Schatten über weißem Leinen“ in der Kirche zu sehen sein.

Zwei Tage später, am Mittwoch, 15. September, läuft im Burgkino der Film „Die weiße Rose“.

Das Theaterstück spielt die evangelische Jugend aus Hamburg-Hamm, wo die Ausstellung bereits im Sommer gezeigt wurde. Die Jugendlichen haben ein Szenenspiel erarbeitet, das dem Ausstellungsthema spielerisch näherkommen will. Die einzelnen Spielszenen sind mit Musik unterlegt.

Gerade für Schüler oder Konfirmanden wäre dies ein guter Einstieg, die leseintensive Ausstellung aufzuarbeiten, meint der Veranstalter. Auf diese Weise könnten Jugendliche, die das Geschehen aus der dunkelsten deutschen Vergangenheit selbst nicht miterlebt haben, im Nachhinein erspüren und bewerten. Der Eintritt ist frei.

Für einen verbilligten Eintrittspreis wird am 15. September der Film „Die weiße Rose“ im Burgkino gezeigt: um 15 Uhr vornehmlich für Konfirmanden, Schüler und Jungendliche und um 19.30 Uhr auch für Erwachsene.

Der ursprünglich angekündigte Film „Das Leben ist schön“ muss leider aus rechtlichen Gründen entfallen. Wer mag, ist herzlich eingeladen, nach der Abendvorstellung mit ins Restaurant „Kalithea“ zu kommen, um über die Eindrücke des Films mit anderen Kinobesuchern zu sprechen.

 
 
 
   
 

 

 

Jüdisches Leben

mit freundlicher Genehmigung der
Uetersener Nachrichten

Diskussionsveranstaltung in der Christuskirche Pinneberg

Im Rahmen der Ausstellung Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933 – 1945 in der Klosterkirche Uetersen fand im Gemeindehaus der Christuskirche Pinneberg eine Veranstaltung zum Thema „Jüdisches Leben in Schleswig-Holstein“ statt. Mit dabei: Pröpstin Monika Schwinge, Alisa Fuhlbrügge (Vorsitzende Jüdische Gemeinde Elmshorn), Wolfgang Seibert (Vorsitzender Jüdische Gemeinde Pinneberg) und Pastorin Hannah Lehming (Moderation).

Von Siegfried Schilling

Pinneberg. „Dass nach allem, was Schreckliches bei uns passiert ist, jüdisches Leben bei uns wieder grünt, das finde ich schön! Das kann nur eine Bereicherung sein! Wir lernen einander in unseren Unterschieden kennen und freuen uns über das Gemeinsame,“ stellte Pröpstin Monika Schwinge in der Podiumsdiskussion fest. Alisa Fuhlbrügge, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Elmshorn, fügte ergänzend hinzu, dass christlich und jüdisch geprägte Menschen Unterschiede aushalten und anerkennen müssen.

Eine wichtige Frage, die während der Podiumsveranstaltung aufgeworfen wurde, war die, ob sich die Christen seit der NS-Zeit verändert haben. „Die Kirche hat eine lange Zeit benötigt bis zu der Erkenntnis, dass sie durch Lehre und Verkündigung dazu beigetragen hat, das es zu Judenverfolgungen gekommen ist,“ stellte Monika Schwinge ihrer Antwort voran. „Wir tragen seit 500 Jahren eine Mitschuld.“ Die Kirche habe schon seit nunmehr einem halben Jahrhundert eine Wende vollzogen, fuhr sie fort. Wie weit sich das heruntergebrochen habe, könne sie nicht sagen. Es gebe noch viel zu tun an der Basis sowie bei uns gescheiten Kirchenleuten.

Die Jüdische Gemeinde in Elmshorn ist laut Alisa Fuhlbrügge im November 2004 wieder ins Leben gerufen worden. Sie hat zur zeit 25 Mitglieder, die meisten stammen aus den GUS-Staaten, haben Schreckliches erlebt und sind alt. „Sie haben das Berufsleben hinter sich und finden jetzt die Muße, über ihr Leben und Judentum nachzudenken,“ so die ehemalige Leiterin der Raboisenschule Elmshorn.

Die mittlere Generation sei noch nicht zur Gemeinde gestoßen – sie müsse Geld verdienen. Aber sie werde sich bestimmt anschließen! Rund 70 Mitglieder zählt laut Seibert die Jüdische Gemeinde in Pinneberg, die meisten ebenfalls aus den GUS-Staaten.

 
 
 
   
 
   

Das Wort zum Sonntag

mit freundlicher Genehmigung der
Uetersener Nachrichten

Otto von Dorrien – Pastor in schwerer Zeit

In diesem Monat ist die Ausstellung „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933 – 1945“ in unserer Kirche zu sehen. Um was geht es dabei?

In der Zeit des sogenannten 3. Reichs war auch die Kirche vor dem Zeitgeist und dem Zugriff des Staates nicht verschont geblieben. In der Pastorenschaft und den Gemeinden war Anfang der Dreißiger Jahre der Wille groß, sich ganz in den Dienst der „Nationalen Sache“ zu stellen. Man merkte nicht, oder erst zu spät, dass mit dem Nationalsozialismus kein nationaler Aufbruch, sondern im Gegenteil, ein dämonischer Machtmissbrauch am Werke war.

Insbesondere die jüdischen Mitbürger litten bald unter der zunehmenden Ausgrenzung, Verleumdung und schließlich Verfolgung. Ihre Würde wurde mit Füßen getreten. Ihr Eigentum wurde eingezogen, sie selbst durften nicht ins Kino oder Theater, schließlich wurde ihnen sogar verboten, Haustiere zu halten. Irgendwann hieß es, sie seien „abgeholt“ worden.

Gegen all das fanden nur die wenigsten Christen ein offenes Wort und kaum ein Pastor konnte es wagen, dagegen öffentlich aufzutreten. Es drohte Gefahr für Leib und Leben. Die Bandbreite des Verhaltens in dieser dunklen Zeit war dennoch groß: Es gab Menschen, die Juden versteckten und vor dem Tod bewahren wollten, andere, die einfach wegsahen und nichts wissen wollten – und wiederum andere, die tatkräftig die Hatz mitmachten.

Die Ausstellung will davon erzählen und Menschen vorstellen, die damals gelebt und gewirkt haben. Vor allem will sie über ein dunkles Kapitel der Kirchengeschichte berichten. Denn selbst die getauften Juden waren in der Kirche nicht mehr geschützt.

In dieser Zeit war Otto von Dorrien Pastor an der Klosterkirche (1929 – 1945). Er war als Kriegsfreiwilliger im 1. Weltkrieg an der Front gewesen, verwundet worden und zuletzt als Jagdflieger im Einsatz gewesen. Ein tapferer Soldat. Nach dem Krieg hatte er Theologie studiert, geheiratet, und war Vater von fünf Kindern geworden.

Aber Otto von Dorrien war zugleich ein couragierter Mann. In der Öffentlichkeit scheute er sich nicht, gegen die aufkommende braune Flut Stellung zu beziehen. Dafür wurde er auch in Uetersen kräftig angegriffen. Als die Nazis immer stärker wurden und auch in der Kirche als „Deutsche Christen“ die Leitung bestimmten, begann Otto von Dorrien sich dagegen zu wehren.

Mit vielen anderen Pastoren schloss er sich zu „Bekennenden Kirche“ zusammen, die versuchte, eine staatsunabhängige Kirche zu bilden. Vor allem hielt er mit vielen anderen am überkommenen christlichen Bekenntnis fest und wehrte sich gegen ein völkisches, heldisches und arisches Jesusbild.

Augenzeugen berichten, dass er bisweilen auch persönliche Gefährdung ertragen hatte. Die Geheime Staatspolizei tauchte in seinen Gottesdiensten auf und schrieb fleißig mit. Vielleicht war es nur dem Umstand zu verdanken, dass er als Soldat des 1. Weltkrieges und als Angehöriger der Richthofen-Staffel, deren Kommandant zeitweise Hermann Göring gewesen war, zuviel Ansehen besaß, um festgenommen zu werden. Man scheute vor dem letzten Schritt zurück.

Otto von Dorrien wurde mit dem Kriegsausbruch am 1. September 1939 zur Wehrmacht mobilisiert. Er fiel als Festungskommandant bei Königsberg am 7. April 1945. So war er ein Kind seiner Zeit, tief im nationalen Gedanken verwurzelt, bisweilen streng in seiner Verkündigung, aber ein tief gläubiger Mann und ein beliebter Seelsorger. Vor allem lag ihm die christliche Bildung der Jugend am Herzen.

Nein, ein Wort gegen die Judenverfolgung ist auch von ihm nicht bekannt. Was er dachte und im privaten Rahmen sagte, ist verloren. Dennoch kann man an Otto von Dorrien erkennen, dass Mut und Rückgrad zum christlichen Glauben dazu gehört. Der Glaube bewahrt nicht automatisch vor Irrtümern und Schuld, aber er kann Rückgrad geben und einen Halt, wo scheinbar alles haltlos wird.

Ein Wegbegleiter schrieb über Otto von Dorrien: „Wenn er sich in späteren Zeiten ein mal im Jahr mit den alten Kampfgefährten in Berlin traf, dann versäumte er auch dort keine Gelegenheit, seinen Stand als Pastor und seinen persönlichen Glauben klar zu bezeugen, auch im dritten Reich als Glied und Vertreter der Bekennenden Kirche.

Die Ansprachen, die er als nebenamtlicher Militärseelsorger bei Vereidigungen zu halten hatte, waren keine vaterländischen Reden, sondern christliche Predigten, unverkürzt und unverfälscht.“ (Theodor Vierck)

Die Ausstellung ist geöffnet mittwochs von 11-17 Uhr und sonntags von 14-17 Uhr. Es lohnt sich.

Joachim Gorsolke
Pastor an der Klosterkirche Uetersen

 
 
 
   
 

 

 

Zur Schuld bekannt

mit freundlicher Genehmigung der
Uetersener Nachrichten

Ausstellung über Christen und Juden von Pröpstin eröffnet

Mit einem Gottesdienst ist in der Klosterkirche die Wanderausstellung „Kirchen, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945“ eröffnet worden. Pröpstin Dr. Monika Schwinge bekannte sich in ihrer Predigt zur Schuld der Kirche an der Verfolgung der Juden.

Von Sebastian Kimstädt

Uetersen/Pinneberg. Die Pröpstin fand bewegende Worte. Sie berichtete von ihrem Besuch der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte „Yad Vashem“ und der Grundsteinlegung für das jüdische Gemeindezentrum in Bad Segeberg. Beide Erlebnisse hätten sie die „Erschütterung“ spüren lassen, was den Juden durch Deutsche und durch die Kirche angetan wurde. „Für die Scham, die von mir Besitz ergriff, gibt es keine Beschreibung und keine Worte“, sagte Monika Schwinge. Gleichzeitig habe sie durch diese Erlebnisse aber auch Hoffnung für eine gemeinsame friedliche Zukunft von Christen und Juden geschöpft. Am Ende ihrer Predigt appellierte sie für ein friedliches Zusammenleben der Religionen.

Monika Schwinge kritisierte zugleich, dass die Kirche lange Zeit ihre Schuld an der Judenverfolgung verdrängt habe. Dabei, so die Analyse Schwinges, hätte die Amtskirche durch ihre Lehre zur Judenvernichtung beigetragen und „schwere Schuld“ auf sich geladen.

Uetersen ist die 25. Station der Ausstellung. Darin arbeitet die Nordelbische Kirche ihr Verhalten im Dritten Reich auf. Die Ausstellungsmacher stellen die Fragen, warum sich die Kirche in den Dienst der nationalsozialistischen Sache gestellt und zur Verfolgung von Juden, Christen jüdischer Herkunft und anderer Bevölkerungsgruppen geschwiegen hat.

Ergänzt werden die Exponate und Schautafeln durch ein so genanntes „Lokales Fenster“, in dem die Geschichte der gastgebenden Kirchengemeinde während des Dritten Reiches beleuchtet wird. In Uetersen ist das „Lokale Fenster“ dem Uetersener Pastor Otto von Dorrien gewidmet. Otto von Dorrien war Mitglied der regimekritischen bekennenden Kirche und verhinderte unter anderem, dass die Darstellungen von Aaron und Moses am Altar der Klosterkirche von den Nazis beseitigt wurden.

Darüber hinaus erzählt die Tornescher Historikerin Annette Schlapkohl in dem „Lokalen Fenster“ die Geschichte von Elisabeht Ruthmann (1911-1978). Die gebürtige Hamburgerin hat aus christlicher Nächstenliebe in einem Haus am Tornescher Tütenweg eine jüdische Familie versteckt.

Die Ausstellung ist am Mittwoch von 16 bis 19 Uhr, am Sonnabend von 11 bis 17 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr zu sehen. Außerdem bietet Katharina Baumgart unter 04122/2382 Führungen von Schulklassen an.

 
 
 
   
 

 

 

Das „Recht“ der Nazis

mit freundlicher Genehmigung der
Uetersener Nachrichten

Rechtsanwalt Stäcker über antijüdische Gesetzgebung im NS-Staat

Bei der ersten begleitenden Veranstaltung der Ausstellung „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933 bis 1945“ in der Klosterkirche referierte der Rechtsanwalt Christian Stäcker im Jochen-Klepper-Haus zum Thema „Antijüdische Gesetzgebung in Kirche und Staat“. Pastor Joachim Gorsolke lenkte den Blick auf Entwicklungen und Verhalten der Kirche in der NS-Zeit, und eine Diskussion vertiefte die Thematik des Abends.

Von Siegfried Schilling

Uetersen. „Ist es eigentlich lohnenswert, sich mit der NS-Gesetzgebung zu befassen?“ Diese Frage stellte der Referent des Abends, Rechtsanwalt Christian Stäcker, seinem Referat voran.

Seine Antwort: „Die Auseinandersetzung damit erleichtert den Blick darauf, wie totalitäre Regime funktionieren. Recht und Gesetz, so fuhr er fort, hätten in der bürgerlichen Gesellschaft völlig unterschiedliche Funktionen. Während sie in einer demokratischen Gesellschaft ausgleichende Funktion hätten, würden sie in einem totalitären Regime zur Durchsetzung der Staatsdoktrin missbraucht.

Anhand eines praktischen Falles, dem Schicksal der – fiktiven – Familie A. aus Berlin, verdeutlichte er, welchen gesetzmäßigen Hintergrund die Nazis geschaffen hatten, um ihren Unrechttaten einen legalen Anstrich zu geben. Die fünfköpfige Familie A., dem Mittelstand angehörend, macht sich keinerlei Zukunftssorgen: Die berufliche Stellung des Familienoberhaupts ist exzellent, die beruflichen Perspektiven der Kinder vielversprechend.

Doch mit der Machtergreifung des braunen Mobs ändert sich alles: Nach und nach, legitimiert durch eine Gesetzgebung, die die Nicht-Arier ausgrenzt, verlieren sie alles: Sie gelten als Voll-Juden, obwohl zum christlichen Glauben konvertiert. Stäcker betonte, dass die meisten Richter der Nazi-Ära stromlinienförmig gewesen seien und sich später entschuldigend darauf berufen hätten, dass sie sich auf dem Boden des geltenden Rechts bewegt hätten, was formal richtig sei.

Empörend sei allerdings, wie es später eine Diskutantin ausdrückte, dass diese Richter nach dem Krieg ihren Beruf hätten weiter ausüben können. Pastor Joachim Gorsolke hinterfragte die Vereinbarkeit von Christentum und Nationalsozialismus, verdeutlichte Hitlers Einstellung zur christlichen Kirche und warf ein Schlaglicht auf die Haltung der Kirche zum NS-Regime und der von diesem betriebenen Ausgrenzung der jüdischen Menschen.

„Kirche sah es positiv, dass die Herrschenden das Christentum zur Volksreligion machen wollten: Das ließ sie über manches hinwegsehen!“ stellte er fest. Das weitgehende Schweigen der Kirche zu der Ausgrenzung der Juden nannte Gorsolke „beschämend“.

Tagestipp: „Kirche, Christen, Juden“

Uetersen (fub). Pröpstin Dr. Monika Schwinge wird heute Abend um 20 Uhr in der Klosterkirche die Ausstellung „Kirche, Christen, Juden“ eröffnen. Sie geht der Frage nach, wie sich die Kirche im NS-Staat zur Diskriminierung der Juden gestellt hat. Bereits um 19 Uhr beginnt dazu ein Gottesdienst.

 
 
 
   
 

 

 

Ein dunkles Kapitel für die Kirche

mit freundlicher Genehmigung der
Uetersener Nachrichten

Vortrag leitet die Ausstellung „Kirche, Christen, Juden“ ein

Uetersen (pl). Am 1. September eröffnet die Pröpstin des Kirchenkreises, Dr. Monika Schwinge, die Ausstellung „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933 bis 1945“, die bis zum 26. September in der Klosterkirche zu sehen ist (mittwochs, 16 bis 19 Uhr, sonnabends 11 bis 17 Uhr, und sonntags 14 bis 17 Uhr).

Mit der Ausstellung setzt sich die nordelbische Kirche selbstkritisch mit ihrem Verhalten während der NS-Diktatur (1933 bis 1945) auseinander.

Der Eröffnung durch die Pröpstin ist eine hinführende Abendveranstaltung vorgeschaltet. Am Donnerstag, 26. August, referieren Pastor Joachim Gorsolke und Rechtsanwalt Dr. Christian Stäcker über das Thema „Antijüdische Gesetzgebung in Kirche und NS-Staat“.

Wie waren die rechtlichen Rahmenbedingung seit der Machtergreifung Hitlers? Wie wirkten sich diese Gesetze aus? Wie verhielt sich die Kirche damals? Was tat der Staat, um die Entwicklung zu beschleunigen? Welcher Druck wurde auf Kirchenobere ausgeübt?

Diese Fragen sollen genauso erörtert werden wie jene, die sich mit der Auseinandersetzung von Staat und Kirche während der Diktatur beschäftigen. Wer waren die „Deutsche Christen“ und wer zählte sich damals zur „Bekennenden Kirche“? Was mussten Letztere alles erleiden und erdulden?

Pastor und Rechtsanwalt werden auch erläutern, wie es damals gelang, das Volk „auf eine Linie“ zu bringen.

Das Referat beginnt um 19.30 Uhr im Jochen Klepper-Haus. Der Eintritt ist frei. „Wir freuen uns über jeden, der kommt“, lädt Pastor Gorsolke herzlich zu dieser Veranstaltung ein. Im Anschluss an den Vortrag besteht Gelegenheit zur Diskussion.
 

TIPPS IM TIP

Thema: Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945

Wanderausstellung, Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsdebatte

UETERSEN (mi). Auch wenn die Ereignisse 60 Jahre zurückliegen, bewegen sie immer noch die Menschen. Die Rede ist von der nationalsozialistischen Gewaltpolitik, unter der vor allem Menschen jüdischen Glaubens litten. Welche Rolle dabei die Kirche spielte, wie die Zukunft aussehen soll, das wollen Christen aus der Region in den kommenden Wochen mit allen Interessierten diskutieren.

Vom 1. bis 26. September werden im Kirchenkreis Pinneberg Veranstaltungen organisiert, die sich dem Thema widmen. Darüber hinaus können Besucher in dieser Zeit in der Uetersener Klosterkirche die Wanderausstellung „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-45“ betrachten. Diese Dokumentation ist auf Initiative der Synode 1998 entstanden. Sie wird ergänzt durch ein regionales Fenster, das von einer hiesigen Arbeitsgruppe gestaltet wird.

Anhand von neun Einzelschicksalen und dem der Jerusalem-Gemeinde in Hamburg werden die unterschiedlichen Verhaltensweisen von Mitgliedern der evangelisch-lutherischen Kirche dargestellt. Opfer wie Täter, Verfolgte und Vermittelnde, Widerständler und Ja-Sager gehörten dazu, verleihen der Ausstellung Stimme und Gesicht.

Drei Einzelschicksale aus der Region passen in diese Zeit: Otto von Dorrien zum Beispiel, der Uetersener Pastor war von 1929 bis 1945. Er wurde wegen seiner Teilnahme an der bekennenden Kirche bedroht, blieb aber national, meldete sich wie im Ersten Weltkrieg freiwillig fürs Militär und starb als Flughafenkommandant von Königsberg. Oder die Geschichte der Tornescher Christin Annette Schlapkohl, die eine jüdische Familie im Moor versteckte.

Ist das Thema noch heute wichtig für die Kirche? Kirsten Ruwoldt, heute Pastorin in Uetersen, beantwortet die Frage mit einem klaren „Ja“. Sie gehörte zu der Arbeitsgruppe, die das lokale Fenster vorbereitete. Sie hat bei vielen Gesprächen erlebt, wie zwiegespalten und wenig aufgearbeitet die NS-Geschichte in vielen Familien bis heute ist.

KONTAKT:

Pastorin Kirsten Ruwoldt; Telefon 04122/2385, Pastor Joachim Gorsolke, Telefon 04122/41676, Katharina Baumgart, Telef

 
 
 

Impressum | Copyright 2001 | Nordelbisches Kirchenamt - Archiv - | Postfach 3449 | 24033 Kiel