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Presseberichterstattung Westerland
 

 

 

 

23.07.2003

Sylter Spiegel:
Nicht nur für Ältere
 

23.07.2003

Sylter Spiegel:
Hakenkreuze auf der Strandburg
 

09.07.2003

Sylter Spiegel:
Pastor Reinhard Wester: Eine prägende Persönlichkeit
 

03.07.2003

Sylter Nachrichten:
Die Kirche versagte nicht ihren Dienst
 

02.07.2003

Sylter Spiegel:
"Viele Menschen haben auf diese Ausstellung gewartet"
 

02.07.2003

Sylter Spiegel:
Musikalischer Dialog mit Jalda Rebling und Martin Stephan
 

24.06.2003

Sylter Rundschau:
Sylt: Kreuz und Hakenkreuz
 

22.06.2003

Nordelbische Kirchenzeitung:
Kreuz und Hakenkreuz auf Sylt
 

02.2003

www.nordelbien.de:
Zwischenbericht Wanderausstellung „Kirche, Christen, Juden“
 

 
   
 

Noch bis Sonntag läuft die Ausstellung in St. Nicolai

 

Nicht nur für Ältere

Mit freundlicher Genehmigung des "Sylter Spiegel"
Nr. 30/2003 vom 23.07.03

Westerland. Noch bis zum kommenden Sonntag ist in der Stadtkirche ST. Nicolai die Wanderausstellung Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933 - 1945 zu sehen (wir berichteten). Eine Ausstellung, die sich ausdrücklich an junge Menschen als "gewünschte Zielgruppe" richtet, aber im Bewusstsein konzipiert wurde, dass ihre Hauptbesuchergruppe über 60 Jahre alt sein würde. Hier in Westerland ist das schon deshalb der Fall, weil leider während der gesamten Ausstellungsdauer Schulferien sind. Dafür sind die Urlauber da. Und so findet sich der eine oder andere Feriengast, der eigentlich nur eine Kirchenbesichtigung machen wollte, unversehens mit der Vergangenheit konfrontiert. Wieviele Besucher die Stadtkirche eigentlich hat, war bis dato unbekannt. Jetzt, wo während der Ausstellungsdauer darüber Buch geführt wird, kennt Pastor Redlin die Zahlen: 60 bis 110 täglich, und nur zwei von denen reagierten bisher erbost auf den unerwarteten Anblick. Überwiegend ist die Resonanz positiv. Bleibt die Frage, wie sehen junge Menschen diese Ausstellung? Isabel Ufer aus Mülheim an der Ruhr, 19 Jahre alt, und zurzeit Praktikantin beim SYLTER SPIEGEL hat sich in St. Nicolai umgesehen:

"Kein Pastor war gezwungen, von der Kanzel gegen Juden zu hetzen. Wenn einer dies tat, geschah es aus freien Stücken." Zwei Sätze am Eingang der Ausstellung, die nachdenklich stimmen. War man nicht davon ausgegangen, dass auch gerade christliche Institutionen ihren "Beitrag" im Nationalsozialismus leisteten?

Der Einstieg in die Ausstellung "Kirche, Christen, Juden in Nordelbien" fällt nicht schwer. Die Bilder und Berichte vom nordfriesischen Konzentrationslager Ladelund sind eines der grausamen Beispiele dieser Zeit. Durch ihre Detailgenauigkeit bekommt der Begriff "Anschaulichkeit" eine andere Perspektive und lässt erahnen, wie schlimm es für die 2.000 Häftlinge in einer Unterkunft für ursprünglich 250 Menschen sein musste.

Die Informationen sind klar und deutlich strukturiert. Jeder Besucher kann entscheiden, welche der zehn Lebensläufe er sich näher anschauen möchte. Auch die Anordnung der einzelnen Ausstellungsstücke ist gut durchdacht.

Die bankweise für je ein Jahr aufgelisteten Informationen auf der rechten Seite im Kirchenschiff bieten einen umfassenden Überblick über die Ereignisse zwischen 1933 und 1945. Diese Fülle an Fakten überfordert leicht. Ich habe das Gefühl, dass die anderen Ausstellungsbesucher, die zum größten Teil in dieser Zeit gelebt haben, sich in jene Kirchenbänke setzen, die die eigene Biografie betreffen. Der vorne beherbergte lokale Ausstellungsteil mit speziellen Zeitrelikten der Insel Sylt interessiert besonders. Denn hier bekommen Ereignisse und Personen konkrete Namen und Gesichter. Zu diesen Ausstellungsstücken gehört auch ein Zeitungsartikel, in dem die Bürgermeister von Wenningstedt und Kampen zu "Judenfrage" zitiert werden. Dass "Juden und Judenfreunde im höchsten Grade in den Gemeinden unerwünscht sind", bedrückt mich sehr. Die Beschränkungen der Kurverwaltung reichten in alle Bereiche - sogar bis zu eingeteilten Besuchszeiten für Juden in den öffentlichen Badeanstalten.

Von den zehn porträtierten Personen, liest sich der Lebenslauf einer jungen Lehrerin, Elisabeth Flügge, besonders aufregend und dies nicht zuletzt, weil sie die einzige Frau ist. Auch wenn ihre Tochter ihr keine Heldentaten zuspricht, empfinde ich ihre Zivilcourage und ihr solidarisches Engagement als heldenhaft und herausragend. So sorgte sie neben ihrem Beruf als Lehrerin an einer Hamburger Privatschule dafür, das die bedrohten Familien ihrer jüdischen Schülerinnen rechtzeitig auswandern konnten. Auch eine Strafversetzung hielt Elisabeth Flügge nicht davon ab, ihre Teilnahme an der Kinderlandverschickung zu verweigern.
Inzwischen schauen sich vier ältere Damen staunend um: "Sehr viele Informationen!" An manchen Überschriften bleibt man interessiert hängen und die Fassungslosigkeit über die kirchliche Vorgehensweise und ihren couragierten Einsatz auf der anderen Seite ist groß.

Die Atmosphäre ist durch den speziellen Ort ganz eigenartig, lässt den Besucher aber nicht vergessen, dass es hier nicht wie in zahlreichen Ausstellungen über die NS-Zeit, um die allgemeinen historischen Ereignisse geht, sondern die Kirchen im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. In dieser Form ist es in der Schule nicht möglich, die verschiedenen Richtungen und unterschiedlichen christlichen Ansätze zu erläutern. Dass sich "die Kirche" an sich nicht einheitlich für oder gegen das Regime ausgesprochen hat, wird einem schnell deutlich gemacht.

Schade finde ich es schon, dass so wenig jüngere Menschen sich die Mühe machen, einmal genauer hinzuschauen, zumal es der Ausstellung gelingt, seine Besucher anhand der gezeigten Beispiele in diese Schreckensjahre hineinzuversetzen.

Wenn man also ein wenig Zeit und Lust zu lesen mitbringt, ist die Ausstellung "Kirche, Christen, Juden in Nordelbien" durchaus lohnenswert - nicht nur für ältere Menschen.

Die letzte Rahmenveranstaltung zur Ausstellung findet am morgigen Donnerstag, 24. Juli, um 20:15 Uhr in der Stadtkirche statt. Pastor Bernd Redlin liest aus "Jossel Rackower spricht zu Gott" von Zvi Kolitz. Organist Martin Stephan wird die Lesung musikalisch begleiten.

 
 
 
   
 
   

Hakenkreuze auf der Strandburg

Mit freundlicher Genehmigung des "Sylter Spiegel"
Nr.30/2003 vom 23.Juli 2003

Als "Lektürevorschlag für die anstehende Ferienzeit" versteht sich das neue Buch des Hamburger Historikers Frank Bojahr mit dem Titel Unser Hotel ist judenfrei. Auf 233 Seiten, illustriert mit zeitgenössischen Karikaturen und Fotos, beschreibt der Autor den Antisemitismus in deutschen (See-)Bädern, Kurorten und Sommerfrischen von der Kaiserzeit bis 1945.

Die Kernaussagen des Buches, auf den Punkt gebracht, lautet: Der so genannte Bäderantisemitismus war in Deutschland (aber nicht nur dort) verbreiteter und folgenschwerer als bislang angenommen. Und er wurzelte nicht nur am rechten Rand der Sozialneider oder politisch Verwirrten, sondern in der Mitte der Gesellschaft.

Von besonderem Interesse für den hiesigen Leser sind natürlich die Ausführungen des Autors über die deutschen Nordseebäder, speziell über die Insel Sylt. Neben Norderney, dem traditionsreichen Bad des hannoverschen Königshauses, wird vom Autor immer wieder Westerland als Badeort genannt, der sich durch Weltoffenheit, Toleranz und - hin und wieder - auch durch Courage und Mut gegenüber der herrschenden Meinung auszeichnete. So forderte 1908 der Westerländer Bürgermeister einen innerstädtischen Hotelier, der sein Haus ausschließlich christlichen Gästen offen hielt, schriftlich auf, an das "Ansehen des Bades" zu denken und diesen Zustand abzustellen.

In der Zeit der Weimarer Republik expandierte in ganz Deutschland die Zahl der sich antisemitisch bis christlich bezeichnenden Hotels und Pensionen. Der Centralverein jüdischer Staatsbürger in Deutschland (CV) gab bereits Warnlisten heraus, die 1931 und 1932 Hunderte von Unterkünften im Reichsgebiet umfassten. Ab 1933 uferten diese Warnlisten zu Sonderdrucken aus, da sie den üblichen Beilagenrahmen einer Zeitung sprengten.

Die Nordseeinsel Baltrum machte ihre Haltung in ihrem Werbeprospekt von 1935 gezielt und unverblümt deutlich: "Israeliten sind nicht erwünscht." Wangerooge tat es der Nachbarinsel gleich, Borkum warb mit der "Rasseformenden Nordseeheilkraft", Helgoland ließ antijüdische Schilder aufstellen. Auch Westerland stand dem - offiziell zumindest - nicht nach. Im März 1934 sprach Bürgermeister und Kurdirektor Dr. Schuldt ein "generelles Zutrittsverbot für Juden" aus. Aber: Dieses Verbot zeitigte tatsächlich keinerlei Wirkung. Westerlands NSDAP-Ortsgruppenleiter klagte in der Folgezeit, dass viele Pensionen und Beherbergungsbetriebe statt der Hakenkreuzflagge die schwarz-weiß-rote Fahne aufzögen. Mitarbeiter der örtlichen Kurverwaltung antworteten einem jüdischen Interessenten, der sich nach Urlaubsmöglichkeiten in Westerland erkundigte: "Eine gesetzliche Handhabe, Juden von Westerland fernzuhalten, besteht bekanntlich nicht... Wir würden uns freuen, Sie in Westerland begrüßen zu können."

Anders sah es in den Seebädern und Erholungsorten aus, die traditionell vom Kleinbürgertum im weitesten Sinne besucht wurden. Während der CV noch 1935 ausdrücklich Kampen als Ort empfahl, wo jüdische Badegäste "noch unterkommen konnten", standen Wenningstedt und insbesondere die Insel Borkum längst auf der Warnliste.

Die detaillierten, äußerst anschaulich vermittelten Informationen Bojahrs, mit viel Fleiß und Akribie zusammengetragen, verursachen mehr als nur Kopfschütteln über die entwürdigenden, tragischen und mancherorts gar brutalen Gegebenheiten der Zeit vor 1945.

Dieses Buch ist keine sehr lustige, aber eine sehr passende Lektüre für den Strandkorb.

Klaus Lorkows

Frank Bojahr: "Unser Hotel ist judenfrei - Bäder Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert", Fischer Taschenbuch Verlag, 12,90 Euro

 
 
 
   
 

Dr. Reumann berichtete über Westers vergeblichen Kampf gegen die NS-freundliche Landeskirche

 

Pastor Reinhard Wester: Eine prägende Persönlichkeit

Mit freundlicher Genehmigung des "Sylter Spiegel"
Nr. 28/2003 vom 09.Juli 2003

Westerland. Im Rahmen der Ausstellung "Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933 bis 1945" hielt Dr. Klauspeter Reumann in der St.-Nicolai-Kirche einen sehr gründlich erarbeiteten Vortrag über das Leben des Westerländer Pastors Reinhard Wester. Der Flensburger Wissenschaftler zeigte dabei den großen Radius im Wirken von Wester auf. In dieser Genauigkeit war er gewiss nur wenigen der Zuhörer bekannt. Der hier hoch geschätzte Geistliche war einst vor allem für die Jugend eine prägende Persönlichkeit. Das macht auch das "lokale Fenster" in der Ausstellung deutlich.

Wester trat sein Amt 1932 an. Es war eine von großer Arbeitslosigkeit geprägte Zeit, in der Resignation das Denken vieler Menschen bestimmte. Darauf wies Dr. Reumann gleich zu Beginn seiner Ausführungen hin. Wie viele Deutsche war auch Wester anfangs von den Chancen der 1933 politische eingeleiteten Wende angetan. 1931 wandte er sich den für den Nationalsozialismus eingenommenen "Deutschen Christen" (DC) zu und trat sogar in die SA ein. Doch er erkannte schnell, dass die erhoffte Orientierung für die Landeskirche in einen Irrweg münden würde. Er trat noch vor der ersten Sitzung der Landes-Synode aus, weil dort - wie von den dominierenden DC beschlossen - alle Mitglieder ihren Wünschen zustimmen müssen. Auf eigenen Wunsch wurde Wester, der damit nicht einverstanden war, aus der Synode entlassen. Das teilte er wie seinen Austritt aus der Vereinigung "Deutscher Christen" seiner Gemeinde am 6.Dezember'33 von der Kanzel aus mit. Wester schloss sich nun der "Bekennenden Kirche" (BK) an. Bald darauf wurde er zum Vorsitzenden und damit zum Leiter der "Landesbruderschaft" gewählt, in der vor allem Pastoren und Vikare andere Ansichten vertraten als die sich immer lauter für die NS-Ziele äußernden "Deutschen Christen".

Doch sei es dem Westerländer Pastor nicht gelungen, diesen Kreis im Für und Wider zur NSDAP zu einen. Seine zunächst freudige Bereitschaft für den Staat mit zu arbeiten, die für ihn nur in der absoluten Bindung an Bibel und Kirche möglich war, erlosch gänzlich. Die Mitglieder der DC plädierten hingegen für eine der "deutschen Art" entsprechenden Glaubensbewegung. "Die Deutschen Christen und die Partei waren in ihrer Denkweise deckungsgleich", erklärte der Referent. Reinhard Wester schlug einen gefährlichen Weg ein, als er öffentlich bekannte, dass er jenes "deutsche" Christentum für Ketzerei halte.

Zur Judenfrage sei weder von Wester noch von Martin Niemöller, Oberhaupt der BK in Berlin, in jener Zeit Stellung bezogen worden, stellte Dr. Reumann in seinem nun weiter ausholenden Referat fest. Das Bekenntnis der BK auf deren erster Synode in Barmen habe deutlich gemacht, dass man sich als "Alternativ-Kirche" zu den DC sah. Als der Landesbischof Schleswig-Holsteins, selber den DC zugehörig, 1935 der BK Zusammenarbeit anbot, wies Wester das Angebot zurück. Er fühlte sich zu dieser Frage aber auch vom eigenen Kreis in der "Bekennenden Kirche" im Stich gelassen, musste erkennen, dass sein Denken nicht dessen Zustimmung sicher sein konnte. Diese Situation, nur Insidern bekannt, hat gewiss viele der Westerländer Zuhörer überrascht. Wester wusste wie die Vikare, dass eine Ordination (Voraussetzung für die Amtsübernahme als Pastor) nur über den Bischof erfolgen konnte. Das wollten viele nicht riskieren. Als sich dann noch die Mitglieder der "Deutsch-Kirche" innerhalb der DC, der vor allem Lehrer angehörten, für ein "entjudetes" Christentum ohne das Alte Testament aussprachen, war in den Augen von Wester die Grundlage für ein gegenseitiges Vertrauen in der Zusammenarbeit von BK und DC unmöglich. Wester, der ursprünglich in einer Synode der BK in Kiel einen Antrag zum "Nein" für ein Miteinander erarbeitet hatte, erkannte vorher, dass keine Mehrheit zu gewinnen war. Er zog daraufhin nicht nur den Antrag zurück, sondern stellte auch das Amt des Vorsitzenden der Bruderschaft der Bekennenden Kirche zur Verfügung. "Damit stellte Wester sich eindeutig ins Abseits", resümierte Dr. Reumann.

Die kritische Haltung Westers aber war der Partei längst bekannt. Sie ließ ihn ständig durch die Gestapo überwachen. Im Mai 1941 schritt man zur Tat. Der Westerländer Pastor wurde verhaftet. Doch wurde er nach nur vierwöchiger Haft entlassen, weil ihm "keine strafbaren Handlungen nachzuweisen waren", zitierte Dr. Reumann aus der erhaltenen Akte. Wie viele andere Pastoren meldete sich Wester auf Drängen von Freunden wenig später freiwillig zum Wehrdienst und suchte in der ganz anders reagierenden Gesetzgebung des Militärs Zuflucht. Doch auch dort holte ihn sein Denken, vor allem seine frühere Ablehnung der Partei, ein. Nach einer insgeheim gegebenen Aussage eines DC-Pastors, wurde er als "ungeeignet" für die Laufbahn eines Offiziersanwärters befunden. "Nachher ging man für eine Begründung von Seiten des Militärs jedoch auf weitere "Materialsuche", stellte Dr. Reumann fest. Erst 1947 konnte Wester aus der Kriegsgefangenschaft in Ägypten zurückkehren.

"In der Landeskirche aber saßen 1945 noch die gleichen Personen an der Spitze", begann der Referent die Schilderung der letzten Phase seines klar gegliederten Vortrages. Im kirchlichen Bereich sei, Juristen vergleichbar, die Neuorientierung mühsam gewesen. "Nur der Kirchenamtspräsident wurde zum Rücktritt gezwungen", zog Reumann die armselige Bilanz. Doch Kenner des Kirchenkampfes hatten Wester nicht vergessen. Sein früheres Wirken wurde zum Anlass genommen, Wester noch im Jahr seiner Rückkehr das Bischofsamt anzutragen. "Doch das Ergebnis seiner Wahl war nicht besonders überzeugend", stellte Dr. Reumann fest. "Hätte sich der Gegenkandidat in seiner Selbstrechtfertigung nicht viele Sympathien verscherzt, hätte es anders ausgehen können", beleuchtete der Referent die Lage. "Wester aber sprach sich für eine Vermittlung der Gegensätze aus. Das war entscheidend."

"Die Auslegung von Römer 13, dem Brief, in dem Paulus formulierte, gebt dem Kaiser, was der Kaisers ist, hatte verhängnisvolle Folgen", stieß Pastor Redlin temperamentvoll die sich anschließende Debatte an. Und er traf damit, wie die Diskussion zeigen sollte, den Kern. So wurde überdeutlich, dass das Verständnis für die Not der Menschen, die damals unter dem Druck einer fanatischen Denkweise standen, nur von Zeitgenossen oder sehr reifem Denken nachvollzogen werden kann. Gewiss aber ist, dass Pastor Wester es mit dem Leben bezahlt hätte, wenn er sich damals entschieden gegen den Nationalsozialismus ausgesprochen hätte. Von der Verantwortung für eine Familie ganz zu schweigen. Das stellte unter den Zuhörern wohl jeder fest, der in der gleichen Zeit gelebt hat. Der Druck war einfach zu groß und ist vielen Menschen heute kaum mitteilbar. Es sei denn, man hat das Buch "1984" von George Orwell gelesen und - es auch verstanden.

Carla Petersen

Der nächste Vortrag im Rahmen der Ausstellung in St. Nicolai findet am morgigen Donnerstag statt. Um 20.15 Uhr sprich Pastor Dr. Siegfried Bergler, Hamburg, in der Stadtkirche über das Thema "Wie lesen Christen und Juden das Alte Testament bzw. die hebräische Bibel?"

 
 
 
   
 

Bedeutsames Konzert zur Eröffnung der Ausstellung in St. Nicolai

 

Musikalischer Dialog mit Jalda Rebling und Martin Stephan

Mit freundlicher Genehmigung des "Sylter Spiegel"
Nr. 27/2003 vom 02.Juli 2003

Westerland. Zu einem Konzert besonderer Art wurde anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945" am Sonntagabend in die St.-Nicolai-Kirche eingeladen. Es war die Idee des Westerländer Kirchenmusikers Martin Stephan, dafür die ihm bekannte jüdische Schauspielerin und Sängerin Jalda Rebling zu gewinnen. Nach einem Besuch bei der Künstlerin in Berlin stand fest, dass die schon in der DDR bekannte und in den neuen Bundesländern hoch geschätzte Künstlerin zur Verfügung stehen würde.

Jalda Rebling, in Amsterdam geboren, wurde 1979 von ihrer Mutter Lin Jaldati für ein Programm zum 50. Geburtstag von Anne Frank auf die Bühne der jüdischen Kultur geholt. Diese große alte Dame des jiddischen Liedes traf damit eine kluge Entscheidung. Nach der Ausbildung als Schauspielerin erarbeitete sich Jalda Rebling in wenigen Jahren zahllose Programme. Zusammen mit anderen Künstlern waren sie jiddischer Literatur und Liedern in dieser alten Sprache gewidmet. Zehn Jahre lang, bis 1997, war sie Leiterin der dieser Kultur gewidmeten Tage zur UNESCO-Weltkulturdekade.

Die Gedenkveranstaltungen zur "Reichskristallnacht" am 9.November 1938 waren der Anlass für Jalda Rebling, die deutsche Sprache in ein neues Programm aufzunehmen, um dem Anlass gerecht zu werden. Zusammen mit Judaistinnen und Musikwissenschaftlerinnen wurden außerdem weithin vergessene Kostbarkeiten jüdischen Schrifttums im kulturhistorischen Kontext von der Sängerin aufgearbeitet. So stieß man auf Süßkind von Trimberg, einen jüdischen Minnesänger des Mittelalters, dessen Lieder Jalda Rebling auch in ihr mit nach Westerland gebrachtes Programm aufnahm.

In beeindruckender Weise wurde Martin Stephan an der Orgel dem Anliegen dieses Konzerts gerecht. Einfühlend erfasste er mit den von ihm ausgewählten Werken das Wesentliche im Programm der Sängerin. Vorbildlich gelang es Stephan, musikalisch die Brücken zum Verständnis altüberlieferter Erzählungen und Märchen zu bauen. Zu bewundern war vor allem die gelungene Begleitung der Lieder. Sie überwand den Abstand von der Orgelempore zur Apsis, wo Jalda Rebling ihre Lieder darbot. Die zeitliche Nähe der deutschen zur jüdischen Kultur unterstrich Stephan mit einem Werk von Samuel Scheidt. Er nahm von Sweelinck die Tradition des in den Niederlanden entwickelten polyphonen Stiles auf, blieb aber zeitlebens Halle verbunden, wo er 1587 getauft wurde und bis zu seinem Tode 1654 tätig war, zuletzt als Hoforganist- und Hofkapellmeister.

Kalt lief es jedermann über den Rücken, als Jalda Rebling Paul Celans Todesfuge als Lied interpretierte und so das Anliegen der Ausstellung unterstrich. An der Orgel vertiefte Martin Stephan mit der Toccata in C von Volker Bräutigam die Erschütterung der sich keiner zu entziehen vermag, der über die Judenverfolgung in Deutschland nachgedacht hat.

Dann nahm Jalda Rebling mit ihrer kräftigen Naturstimme im Gesang den Gedanken auf, wie es weiter gehen kann. "Jüdisches Leben im Deutschland von heute ist ein Wunder", meinte diese von ihrer Aufgabe beseelte Künstlerin in einem Gespräch bei dem Treffen, zu dem Pastor Redlin nach dem Konzert einen kleinen Kreis einlud. Bernd Redlin war es ein Anliegen, dabei in großer Herzlichkeit Jalda Reblings und Martin Stephan noch einmal für ein unvergessliches künstlerisches Erlebnis zu danken.

cp

 
 
 
   
 

"Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933 - 1945" in St. Nicolai

 

"Viele Menschen haben auf diese Ausstellung gewartet"

Mit freundlicher Genehmigung des "Sylter Spiegel"
Nr. 27/2003 vom 02.Juli 2003

Westerland.(bk) In 16 Kirchen war sie bereits zu sehen, umrahmt von 200 begleitenden Veranstaltungen. Das Medienecho war groß, allein der NDR berichtete zehn Mal. Jetzt ist die Wanderausstellung "Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933 - 1945" auch auf Sylt zu sehen. Bis zum 27. Juli wird in der Westerländer Stadtkirche ein dunkles Kapitel lokaler Kirchengeschichte beleuchtet, auf sehr anschauliche und sehr eindringliche Weise. "Viele Menschen haben auf diese Ausstellung gewartet. Und die Ehrlichkeit, mit der wir sie angegangen sind, hat ihr Respekt eingebracht", resümierte Projektleiterin Annette Göhres vom Nordelbischen Kirchenarchiv in Kiel bei der Eröffnung in St. Nicolai. Propst Sönke Pörksen sagte in seiner kurzen Begrüßungsrede, die Nordelbische Kirche erhoffe sich, dass die Ausstellung Gespräche möglich machen, zur Versöhnung beitragen und helfen werde, Hass und Scham zu überwinden.

Um es gleich vorweg zu sagen: Man sollte sich Zeit nehmen für diesen Rundgang durch die St. Nicolai-Kirche, denn die Ausstellung wirkt zwar auf den ersten Blick nicht groß, gibt aber selbst dem Betrachter, der ein gutes Vorwissen mitbringt, sehr viele Informationen, Eindrücke, Fragen und Gefühle mit auf den Weg, die verdaut werden müssen. Das beginnt schon am Anfang, rechts und links der Kirchentür, wo den Besucher auf großen Tafeln der - klar antisemitische - kirchliche Zeitgeist vor 1933 und ein Überblicke über die verschiedenen Strömungen innerhalb der evangelischen Kirche erwarten. Nur zwei Schritte weiter bekommt der Betrachter Einblick in den furchtbaren Alltag der Gefangenen im Lager Ladelund, Außenstelle des KZ Neuengamme (siehe Foto links). Das geht anders unter die Haut als die Fleißaufgabe, die einem mitten in der Kirche angeboten wird: Theoretisch könnte man lange Zeit von Bank zu Bank rutschen: Auf der rechten Seite wird dort die Chronologie des Terrors nachvollzogen, während links kurze Berichte und Zitate die Zeittafeln ergänzen. Neben den Kirchenbänken und auf beiden Seiten des Altars dann der Kern der Ausstellung: die zehn exemplarischen Opfer- und Täter-Biografien, erläutert durch Schrifttafeln, jeweils ein Bild und auf Knopfdruck auch gesprochene Zitate und Erklärungen. Vorne rechts wartet dann das so genannte "lokale Fenster", das sich nach Aussage von Annette Göhres fast zum wichtigsten Teil der Wanderausstellung entwickelt hat. Vier Kästen sind es in St. Nicolai. Einer davon ist dem Westerländer Pastor Reinhard Wester gewidmet. Daneben kann man studieren, wie Westerlands Tourismushüter sich den Fragen der Zeit stellten: Da appelliert der Vorsitzende des Verkehrsvereins an Vermieter und Geschäftsleute, die ihnen zugestellten Schilder "Juden unerwünscht" und "Deutsches Geschäft" deutlich sichtbar aufzustellen. Denn: "Es darf unter keinen Umständen vorkommen, dass Westerland nach und nach wieder in erheblichem Umfang von jüdischen Gästen besucht wird, weil dies den Gesamtinteressen des Bades nicht dienlich ist." Einen Kasten weiter, unter dem Motto "Das zweifache Bekenntnis" dann ein Foto, das eine Sylter Familie bei der Taufe ihrer sechs Kinder zeigt - alle Männer und Jungs Gesinnung demonstrierend in Uniform. Zum Abschluss schließlich der Schaukasten, der nichts als Namen zeigt: die vollständige Liste aller deutschen und ausländischen Opfer des Nationalsozialismus auf Sylt.
Bliebe noch die "Black Box" zu erwähnen (Foto rechts), ein separater Teil der Ausstellung, der den Besucher über die Sinne anspricht und zur Konzentration, zum In-sich-gehen auffordert: zwei Räume mit Wänden aus schwarzen Tüchern, in einem ein alter Holztisch mit zwei Stühlen, zwei Leselampen und Exemplaren eines eindrucksvollen Dokuments - "Die Geschichte der evangelischen Gemeinde Theresienstadt" von Arthur Goldschmidt, Maler und bis 1933 Oberlandesgerichtsrat in Hamburg. Nebenan sind die Porträts und Skizzen zu sehen, die Goldschmidt, der 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde, dort gezeichnet hat.

Diese Ausstellung lohnt sich wirklich und hätte eigentlich Pflichtprogramm für alle Konfirmanden und viele Schüler sein müssen. Dass man sie auf Sylt in der Hochsaison zeigt, war eine bewusste und lobenswerte Entscheidung. Dass sie mit Beginn der Schulferien eröffnet wurde und vor deren Ende wieder weiterwandert, ist allerdings schade.

Die Ausstellung ist täglich von 9:30 bis 12 Uhr und von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen übernimmt Pastor Redlin, Telefon 5200, auf Anfrage.

Der nächste Vortrag im Rahmen der Ausstellung ist am Donnerstag, 10. Juli, zu hören. Um 20:15 Uhr spricht Siegfried Bergler, Pastor der Jerusalem-Gemeinde Hamburg, in der Stadtkirche über das Thema "Wie lesen Christen und Juden das Alte Testament bzw. die hebräische Bibel?"

 
 
 
   
 

Ausstellung „Kirche – Christen – Juden in Nordelbien 1933-1945“

 

Kreuz und Hakenkreuz auf Sylt

Nordelbische Kirchenzeitung vom 22.06.2003

Mit freundlicher Genehmigung der " Die Nordelbische"

Westerland – „Stein- und judenfreier Badestrand“ – das ist keineswegs eine kabarettistische Pointe, so lautete neben „Ruhe, Sonne, Meeresluft“ auch eine der Werbebotschaften, mit der Seebäder an Nord- und Ostsee in den 30er Jahren um Badegäste konkurrierten.

Die Kirchengemeinde Westerland stellt sich jetzt dieser Epoche, als auch Jesus zum „Arier“ werden sollte und Christentum und Kirche für Antisemitismus und Nationalsozialismus vereinnahmt wurden. Vom 29.Juni bis 27.Juli wird in der Stadtkirche St. Nicolai die Ausstellung „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945“ gezeigt werden, begleitet von einer umfangreichen Vortragsreihe.

Westerlands Pastor Bernd Redlin: „Die Ausstellung zeigt am Beispiel von zehn Persönlichkeiten die unterschiedlichen Reaktionen von Kirchenleuten, Pastoren, Gegnern und Befürwortern der nationalsozialistischen Ideologie auf die „Arisierung“ von Kirche und Bibel. Dazu kommt ein „örtliches Fenster“: In ihm geht es um den Westerländer Pastor Reinhard Wester, einen führenden Geistlichen in der Bekenntnisbewegung, um das Schicksal der Häftlinge in der Außenstelle Ladelund des KZ-Neuengamme, sowie die Opfer der Gewaltherrschaft auf unserer Insel.“

Reinhard Wester, seit 1932 in Westerland, begrüßte zunächst die Machtübernahme der Nationalsozialisten, trat in die SA ein und schloss sich den „Deutschen Christen“ an. Im Dezember 1933 verließ er die „Deutschen Christen“ und wurde Vorsitzender des Landesbruderrates der „Bekennenden Kirche“. Nach Verhaftung durch die Gestapo ging er 1942 zur Wehrmacht. Aus der Gefangenschaft kehrte er 1947 nach Westerland zurück und wurde im gleichen Jahr zum Bischof von Schleswig gewählt.

Eröffnet wird die Ausstellung am Sonntag, 29.Juni, um 10 Uhr in der Stadtkirche St. Nicolai im Rahmen des Gottesdienstes durch Propst Sönke Pörksen. Zur Einführung sprechen Dr. Annette Göhres und Dr. Stephan Linck aus dem Nordelbischen Kirchenarchiv in Kiel. Die Begleitvorträge finden jeweils um 20.15 in der Stadtkirche St. Nicolai statt:

Mittwoch, 2.Juli, Dr. Stephan Linck, Historiker, Kiel: Antisemitismus in der schleswig-holsteinischen Landeskirche;

Donnerstag, 3.Juli, Dr. Klaus Peter Reumann, Flensburg: Reinhard Wester, Westerland, Sein vergeblicher Kampf gegen die NS-freundliche Landeskirche;

Donnerstag, 10.Juli, Pastor Siegfried Bergler, Hamburg: Wie lesen Christen und Juden das Alte Testament bzw. die hebräische Bibel?

Donnerstag, 17.Juli, Prof. W. Stegemann, Universität Basel: Christliche Judenfeindschaft und Antisemitismus;

Donnerstag, 24.Juli, Pastor Bernd Redlin, Westerland: Lesung: Zvi Kolitz: Jossel Rackower spricht zu Gott; Musik: Martin Stephan.

 
 
 
   
 
   

Zwischenbericht Wanderausstellung „Kirche, Christen, Juden“

Mit freundlicher Genehmigung der Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche
www.nordelbien.de

aktuelle Meldung

16. Tagung (Febr.2003): Top 2.10

Seit ihrer Eröffnung am 21.September 2001 in Rendsburg wurde die Wanderausstellung „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien“ in mittlerweile zwölf Kirchen Nordelbiens gezeigt, begleitet von insgesamt 150 Veranstaltungen der unterschiedlichsten Art: Themengottesdienste, Vorträge, Theateraufführungen, Lesungen, Stadtrundgänge und Konzerte. Vor der Nordelbischen Synode in Rendsburg hat die Leiterin des Nordelbischen Kirchenarchivs Dr. Annette Göhres einen ersten Zwischenbericht des Ausstellungsinitiators Dr. Stephan Linck eingebracht.

Der Haupterfolg des Ausstellungsprojektes, so der Bericht, liege wohl darin begründet, dass viele Menschen in Nordelbien auf die Ausstellung gewissermaßen „gewartet“ hätten. Fast überall hätten sich Menschen gefunden, die an dem Thema dran waren oder sein wollten.

Der Bericht steht als Download zur Verfügung. Es gilt das gesprochene Wort.

 
 
 

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